K.O.-System

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Die Wortwahl im Pokalmodus – Wortwahl 09/15

Alter Fußballnarr, ich bin. Wie ein Getriebener zappe ich von Blog zu Blog, Forum zu Forum, E-Paper zu E-Paper. Erst recht in der Sommerpause, wenn auch nur der Ansatz eines Gerüchts mein Herz Kapriolen schlagen lässt. Nichtsdestotrotz: Nur wenn der Ball in seiner Funktion als Schicksale entscheidendes Spielgerät livehaftig durch den Sechzehner holpert, gibt es die wahren Bocksprünge zu sehen. Redaktionsschluss hin oder her: König Fuppes schwingt wieder das Zepter! Endlich, derweil diese Zeilen in die Tasten fließen, steigen die Erstligisten aus den Untiefen des Sommerlochs in den regulären Spielbetrieb ein: DFB-Pokal. Kleine gegen Große. Wie es die Losfee wollte. Im K.O.-System. Nur einer kann gewinnen.

Dominique Manotti vs. Burkhard Schulze Darup: Als haushoher Favorit geht die Meisterin des zeitgenössischen Noir gegen den Architekten und Städteplaner ins Rennen. Doch: Hier zählen keine Meriten. Was zählt, ist auf‘m Platz! Und was sie mit ihrem Fußball-Krimi abliefert, ist trotz ausgeklügelten Prota-Flechtwerks nicht mehr als eine thematisch halbgare Fingerübung. Ganz anders der‚Amateur‘. Als Spezialist für nachhaltiges und energieeffizientes Bauen, weiß er um die skrupellose Wehrhaftigkeit der Konzerne im Angesicht einer drohenden Demokratisierung dieses Wirtschaftssektors. Ein beherzter Infightzwischen Mikro- und Makrokosmos, von Kreuzberg über den Golf von Aden bis nach Kapstadt, ohne sich selbst zu überlisten. Was für eine Überraschung!

Abpfiff [Ariadne] : „Grenzen der Gier“ [Westkreuz]: 1:3

Mira Gonzalez vs. Tanizaki Jun’ichirō oder Aufsteiger gegen Championsleague-Teilnehmer: hier die Novizin, dort der renommierte Samurai, der mit seinen Romanen und Dramen stets die feine Klinge zu führen wusste. Und das gilt auch für den psychischen ‚Verfall‘ seines greisen Utsugi Tokusuke. Voller sexueller Obsessionen erliegt er Tag für Tag den sinnlichen Reizen seiner Schwiegertochter – und liefert damit der taktisch gewitzt aus depressiv anmutender Tiefe kommenden US-Amerikanerin die perfekte Angriffsfläche. So mutig wie freigeistig erweisen sich ihre Gedichte als schmerzhafte Konter; ehe sie mit ihrer „list of pornographic sub-genres“ den entscheidenden Elfmeter versenkt.

Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können“ [Hanser] : „Tagebuch eines alten Narren“ [Manesse]: 7:6 i.E.

Jean Prévost vs. Franzobel: Wer Hemingway beim Boxen den Finger brach, sollte wissen, was K.O.-System bedeutet. Zumal, wenn es gegen einen österreichischen Kultautor geht. Und in der Tat: Sein erstmals auf Deutsch erschienener Werdegang vom schändlichen Fall bis zum revanchesüchtigen Wiederaufstieg eines ‚einfachen‘ Studenten begeistert mit stilistischer wie psychologischer Raffinesse. Doch so leicht lässt sich ein ‚Alpen-Maradonna‘ nicht das Schmalz vom Brot nehmen. Nonchalant, selbst in Schräglage erstaunlich leichtfüßig und nie um einen gewitzten Leberhaken verlegen weiß er sich zur Wehr zu setzen; und neben bei auch noch locker-lässig seinen zweiten Fall zu lösen. So geht Pokal: hin und her, bis in der Schlussminute der Verlängerung der Kommentator vollends narrisch wird.

Das Salz in der Wunde“ [Manesse] : „Groschens Grab“ [Zsolnay] 4:5 i.V.

Autor

LARS ALBAT

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