Inkludieren oder Aussondern?

Kein Kinderspiel, aber machbar: Inklusion Foto: Cornelia Wortmann

Inkludieren oder Aussondern?

Menschen mit Behinderungen im Schulsystem – trailer-THEMA 03/17 FREMDKÖRPER

Gesellschaftliche Teilhabe ist ein Menschenrecht. Inklusive Bildung ebenso. Nicht nur als besonderes Zugeständnis an Menschen mit speziellem Förderbedarf, sondern als prinzipielles, bedingungsloses Recht Aller, ob sie nun mit Behinderungen leben oder ohne. 2009 ratifizierte Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention. Damit ist die systematische Aussonderung von Menschen mit Behinderung in Förderschulen ein Vertragsbruch, der die deutsche Bildungspolitik auf Trab bringen sollte.

Vorurteile und Berührungsängste erschweren den Umgang mit behinderten Menschen. Wie können wir konstruktiv Inklusion gestalten und leben, welche Hürden müssen gedanklich und praktisch überwunden werden?

6,8 % der deutschen Schülerinnen und Schülern wurde im Schuljahr 2013/14 ein sonderpädagogischer Förderbedarf attestiert.Dieses Etikett betrifft Heranwachsende mit Behinderungen ebenso wie junge Menschen mit Migrationshintergrund. Oft trifft es mehrsprachig Heranwachsende. 37,7 % des diagnostizierten Förderbedarfs entfällt auf den Schwerpunkt Lernen. Zum Vergleich: der Förderung körperlicher und motorischer Entwicklung wird 7,3 % zugeordnet, laut Kultusministerkonferenz.

Es geht also häufig um junge Menschen, denen Schwächen beim Lesen und Schreiben bescheinigt werden. Unter Interessensgruppen, Wissenschaftlern, Politikern wird Protest laut: ohne wissenschaftliche Definition von „Lernbehinderung“ würden Diagnosen gestellt, die sich von Land zu Land, von Stadt zu Stadt unterschieden. Die vor allem sozioökonomisch Benachteiligte und deutlich mehr Jungen als Mädchen träfen. Es sei institutionelle Diskriminierung, dass Lernende nichtdeutscher Herkunft in Förderschulen massiv überrepräsentiert seien. Bildungspolitisch sei das Ganze sowieso eine Sackgasse: fast drei Viertel aller Förderschüler erreichen keinen Hauptschulabschluss. Dann ist es ja nur zu begrüßen, dass die Anzahl der in Regelschulen unterrichteten Schülerinnen und Schüler mit attestiertem Förderbedarf seit der Ratifizierung der UN-Konvention steigt!

Doch nein, so einfach ist die Sache nicht. Zwar hat sich Deutschland verpflichtet, die Quote der in Förderschulen Unterrichteten zu senken. Aber diese Zahl sinkt nur minimal. Es werden schlichtweg mehr Lernschwächen, Verhaltensauffälligkeiten und Sprachdefizite diagnostiziert. Bei Kindern, die schon an Regelschulen sind. Bei Grundschulkindern, welche bislang einfach als „schwache Schüler“ galten. Oder durch Regelschulen, die sich zusätzliche sonderpädagogische Ressourcen sichern wollen.

Manche Elternverbände erklären unter dem Motto „Rettet die Inklusion“ die Praxis in NRW für gescheitert. Sie fordern eine langsamere Umwandlung nur weniger, besser ausgestatteter Regelschulen zu inklusiven Schulen, kleinere Klassen und eine garantierte Besetzung durch zwei Lehrende. Andere wenden sich gegen „Anti-Inklusions-Polemik“. Insbesondere den CDU- und FDP- Spitzenkandidaten für die Landtagswahl werfen 21 Elternvereine vor, durch Formulierungen wie „Inklusion mit der Brechstange“ Stimmungsmache gegen Menschen zu betreiben. Die Schulministerin versprach für das kommende Schuljahr rund 1.000 zusätzliche Stellen.

Und es gibt sie ja, die Erfolgsmeldungen: Integrativ Beschulte erreichen deutlich häufiger einen Hauptschulabschluss als separiert Beschulte. An allgemeinen Schulen erreichen Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf und Migrationshintergrund sogar etwas häufiger den Hauptschulabschluss als die Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund, belegt eine Studie in Rheinland Pfalz. Ein Pilotprojekt in Brandenburg zeigt, dass lernstarken Grundschulkindern kein Nachteil entsteht: in 84 inklusiven Klassen erzielten sie Leistungsfortschritte im üblichen Maß. Vielfältige Beziehungserfahrungen fördern das Problemlösungsverhalten und die Fähigkeit, mit komplexen Situationen umzugehen, so Bildungsreformer undHirnforscherProf. Hüther. In Italien ist das Bildungssystem seit mehr als 30 Jahren inklusiv, alle werden bis zur 8. Klasse gemeinsam beschult.

Anstatt anzunehmen, man könne in Lerngruppen so etwas wie Homogenität herstellen und so besseres Lernen ermöglichen, wären eine individuelle Förderung und eine Akzeptanz von Heteregonität für alle Kinder förderlich. Das Gefühl von Anerkennung und Zugehörigkeit, ein Klima der Lernfreude und gegenseitiger Unterstützung – davon profitieren alle. Nicht über den Sinn von Inklusion muss diskutiert werden, sondern darüber, wie die Defizite des deutschen Bildungssystems behoben werden können. Diese werden in der Frage der Inklusion besonders deutlich. Zur Umverteilung der Ressourcen von Sonder- auf Regelschulen, zur Schulung von Lehrenden, zur Organisation von ausreichender Unterstützung und zur Abschaffung diskriminierender und stigmatisierender Strukturen braucht es vor allem eins: eine inklusionsbejahende Gesellschaft.

Autorin

MELANIE REDLBERGER

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