„Industrieller Barock“

Foto: Christian Keinstar

„Industrieller Barock“

tt-Theaterproduktion führt Heiner Müllers „Hamletmaschine“ auf

Heiner Müllers Stücke hatten ihre Konjunktur in den 1970er und 1980er Jahren. Nach der Wende wurde es im Westen ruhiger um seine Texte. Inzwischen allerdings taucht die „Hamletmaschine“ immer häufiger in den Spielplänen auf. Ein epischer Text in fünf Akten, der 1977 im Umfeld der Übersetzung des „Hamlet“ entstand und ein alptraumhaftes Szenario beschreibt. Es geht nicht nur um das Versagen von Intellektuellen in politisch brisanten historischen Momenten, um Geschlechterkonflikte oder um das Scheitern des Autors beim Schreiben von Dramen. Ein Gespräch mit den Schauspielern Tomasso Tessitori und Lara Pietjou sowie dem Bildenden Künstler Christian Keinstar, die den düsteren Text in der Orangerie auf die Bühne bringen.

choices: Heiner Müllers düstere Geschichts- und Intellektuellendämmerung „Hamletmaschine“ im strahlenden Hochsommer – Pragmatik oder Programmatik?
Tomasso Tessitori: Das ist formalen Gründen geschuldet, wir wollten im ersten Halbjahr rauskommen, haben dann aber noch einen WM-Aufschub bekommen.
Christian Keinstar: Die „Hamletmaschine“ als WM-After-Hour-Stück!
TT: Es ist ein Endzeitstück aus der Hochphase der Desillusionierung. Im Stück killt Heiner Müller alle seine humanistischen Idole. Die Dystopie beschreibt das Theater als Denkraum. Die Hoffnungslosigkeit soll aber auch Hoffnung wecken.

Wo liegt die Parallele zur Gegenwart?
TT: Heiner Müllers Beschäftigung mit der Antike und Shakespeare rührt aus dem Schreibverbot in der DDR. Er bezieht sich zwar immer auf die Wirklichkeit, aber das, was er behandelt, ist so komplex, dass es zeitlos ist. Außerdem setzen die Verweise auf Hamlet, Richard III., antike Figuren oder Dostojewski zahlreiche Assoziationen frei. Grundlage bleibt die Frage, ob man mit Worten die Wirklichkeit überhaupt noch darstellen kann.

Die Abschnitte beginnen mit „Ich war Hamlet“, „Ich bin Ophelia“ oder „Ich war Macbeth“. Es gibt vermutlich kein Stück, in dem das Wort „Ich“ so häufig vorkommt? Wer spricht da überhaupt?
TT: Das Spannende an dem Text ist, dass es Rollenzuschreibungen gibt, diese Figuren aber aus der Rolle raustreten. Müller ignoriert im dialektischen Bezug auf Brecht jeden Charakter und jede Handlung. Es gibt nur noch Darsteller. Und deshalb sind wir es, die da „Ich“ sagen. Doch wie definiert sich ein Individuum heute? Das Bild ist wichtiger als das, was man tut. Was passiert, wenn wir uns über Visualität oder Bilder reproduzieren? Wir werden in der Inszenierung mit Wiederholung und Reproduktion zu arbeiten.
Lara Pietjou: Wer im Text „Ich“ sagt, bleibt aber auchambivalent. Wenn Ophelia spricht, dann steht da auch Chor/Hamlet. Andererseits spricht da selbstverständlich auch Heiner Müller.
TT: Selbstverständlich geht es um Heiner Müller, um seine Haltung als Intellektueller. Gleichzeitig wechselt er allerdings so häufig die Perspektive, dass man da jedes Mal ein anderes Stück beginnt. Das hat auch etwas Surreales.

Herr Keinstar, wenn es dabei um Fragen der Identität geht, lässt sich da eine Verbindung zu Ihrer Skulptur „Simplifikation“ ziehen, bei der eine Maske mit ihrem Antlitz immer wieder zerfließt?
CK: Ich kenne keinen Dramatiker, der die conditio humana und den klassischen Kunstbegriff so infrage stellt wie Heiner Müller. Also: Was ist der Mensch? Woran leidet er? Wie lässt sich das darstellen, also die Frage nach der Repräsentation. Als ich mich jetzt wieder mit Müller beschäftigt habe, habe ich festgestellt wie schockierend leer das Stück ist. Es gibt keine Handlung und die Charaktere sind austauschbar. Wir haben überlegt, wie man für den Zuschauer trotzdem eine Geschichte transportieren kann. Da kann die Skulptur helfen. Da das Stück so leer ist, muss ich sehr viel in den Raum reinstellen, damit der Text sich an etwas festhalten kann. Die Darsteller werden von Skulpturen eingeschlossen, von Maschinen bewegt. Beide fungieren als Korsett oder als Schutzpanzer.

Wie werden die Skulpturen beschaffen sein?
CK: Ich arbeite mit Bleifaltungen. Die „Hamletmaschine“ ist fast eine griechische Tragödie. Mit dem Blei simulieren wir Toga-Gewänder, Stofflichkeit und Materialität. Daraus wird eine Art industrieller Barock.
TT: Ich wollte etwas ästhetisch sehr Schönes auf der Bühne haben. Die Sprache in Heiner Müllers Stücken ist sehr schön. Das stellt die Frage, inwieweit heute Schönheit überhaupt noch eine Relevanz hat oder vielleicht nur noch ein Fluchtort für Intellektuelle oder Künstler ist. Gibt es einen Bezug der Schönheit zur Wirklichkeit der Gesellschaft?

Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?
TT: Ich kenne Christians Bleiarbeiten schon seit langem. Er hat dann die Verwendung von Skulpturen vorgeschlagen und das hat mich sofort begeistert.
CK:
 Wir kennen uns auch von anderen Stücken, zu denen ich Videos gemacht habe. Wir wollten zunächst ein klassisches Bühnenbild bauen. Ich wollte aber die Skulpturen so bauen, dass sie keine bloße Kulisse sind und trotzdem autonom bleiben und ich sie später in Museen und Galerien zeigen kann.
LP: Ich habe Tomasso bei dem RAF-Stück „Die vierte Generation“ des Analogtheaters kennengelernt. Und da schließt sich ein Kreis, weil die Ophelia bei Heiner Müller viel mit der RAF zu tun hat. Damals habe ich Gudrun gespielt, jetzt geht es mehr um Ulrike.

Apropos Terroristin: Wie ist der Geschlechterkonflikt im Stück?
LP: Man kann viele Parallelen ziehen zu Shakespeares Ophelia oder zu Müllers Ex-Frau oder Ulrike Meinhof. Die emotionale Beziehung zwischen beiden Geschlechtern im Stück basiert auf Hass. Ich denke als Figur auf der Bühne immer wieder: Dieses ganze männliche Gequatsche und Gelabere – macht doch endlich mal das, wovon ihr seit Stunden erzählt. Die Verwandlung in Elektra am Ende mit der Konsequenz, alle Menschen abzuschlachten, geht dann fast ins Sinnlose über.
TT: Hass ist ein gutes Motiv. Das gibt Heiner Müller vor: Hamlet verhält sich passiv und redet die ganze Zeit, die aktiven Momente liegen ganz klar bei der Ophelia-Darstellerin, auch sprachlich. Müller arbeitet sehr stark mit Affekten. Ekel wäre ein weiterer, den er über die Sprache zu erzeugen versucht.

Gleich am Anfang der „Hamletmaschine“ ist von den „Ruinen von Europa“ in einem ideellen Sinn die Rede.
TT: Es geht auch um den Geschichtsbegriff. Lernen die Menschen etwas aus der Geschichte? In dem Stück steckt eine Kritik an der europäischen Kultur, die bis heute kolonial bestimmt ist. Heiner Müller hat nach der Wende 1990 gesagt, der eigentliche Konflikt nach dem Zusammenbruch des real existierenden Kommunismus sei der Konflikt zwischen Kommunismus und Christentum sowie dem schon in den Startlöchern stehenden Islam. Das elitäre Denken Europas ist so überhaupt nicht mehr haltbar. Wir können unser Leben und unsere Werte nur deshalb leben, weil andere in der Scheiße sitzen. Darin steckt eine Relevanz. Der Untergang des Abendlandes, den Müller beschreibt, erleben wir eigentlich die ganze Zeit.

„Die Hamletmaschine“ | R: Tomasso Tessitori/Lara Pietjou/Christian Keinstar | Do-So 19.(P), 20., 21.7. je 20 Uhr, 22.7. 18 Uhr | Orangerie | 0221 952 27 08

Zur Person
Christian Keinstar studierte an der Kunsthochschule für Medien in Köln und wechselte später an die Kunstakademie München. Er arbeitet in verschiedenen Genres wie Fotografie, Video, Installation und Performance.
Lara Pietjou hat zunächst eine Ausbildung als Krankenschwester absolviert, bevor sie eine Schauspielausbildung begann. Seit 2007 arbeitet sie mit Ensembles wie Hofmann & Lindholm und Analogtheater sowie bei Filmprojekten.
Tomasso Tessitori ist freier Schauspieler und arbeitet als Darsteller im Theater, für Fernsehen und Hörfunk. Als Regisseur leitet er die Gruppe Tomasso-Tessitori-Produktion

INTERVIEW:

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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