„Ihre Installationen sind unterschwellig sehr politisch“

„Eroded Landscapes1“, Foto: Penny Hes Yassour

„Ihre Installationen sind unterschwellig sehr politisch“

Museumsdirektor Dr. Hans-Jürgen Schwalm zur Ruhrfestspiele-Ausstellung

Museumdirektor Hans-Jürgen Schwalm im Gespräch über „Temp-EST“ mit der israelischen Künstlerin Penny Hes Yassourin der Kunsthalle Recklinghausen.

trailerHerr Schwalm, eine Ausstellung, die nach Shakespeare klingt, aber eher Theoretische Physik zum Thema hat?
Hans-Jürgen Schwalm: Na ja, der Titel „Tempest“ ist aufgesplittet in „Temp“ und dann „Est“. Das East taucht da auf, mit Temp das Tempo. Und Penny Hes Yassour hat tatsächlich einmal am Theater Freiburg bei einer Inszenierung von „The Tempest“ von Shakespeare mitgearbeitet und das Bühnenbild entworfen. Aber der Sturm ist auch ein zeitliches Phänomen und hat viele Bedeutungsebenen: den politischen Sturm, den weltgeschichtlichen Sturm… und das legt das Fundament der Ausstellung. Aber es geht hier ganz stark auch – und nicht zuletzt in Bezug auf das Theater – um eine zeitliche Dimension, es geht nicht um einen Bildersturm.

Inwieweit passt das zum „Politik und Poesie“-Thema der Ruhrfestspiele?
In jeder Hinsicht wunderbar. Einerseits entwirft Penny Hes Yassour sehr poetische Bilder. Es entstehen vier raumgreifende Videoarbeiten und eine Bildbühne sowie eine den Besucher einbeziehende Klanginstallation. Und die Bilder sind unterschwellig auch sehr politisch. Wenngleich Penny Hes Yassour sagt, dass es ihr doch eher darum geht, die Bezüge ins Allgemeine zu transformieren – auch wenn es sehr konkrete Bezüge sind, mit denen sie umgeht.

Zur Person:
Dr. Hans-Jürgen Schwalm wurde in Bochum geboren. Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum; 1989 Promotion über das Gruppenporträt im 20. Jahrhundert, von 1989 bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Rheinischen Landesmuseum Bonn, seit 1990 stellvertretender Direktor, seit Juni 2017 Direktor der Museen der Stadt Recklinghausen. Foto: Ferdinand Ullrich

Penny Hes Yassour ist eine israelische Künstlerin. Ihre Installation über das Jordantal hat gerade eine besonders aktuelle Bedeutung.
Es ist natürlich ein sehr konkreter Ort, aber auch den versucht sie ins Allgemeingültige zu übersetzen. Es ist eine abgedunkelte Szenerie, der Besucher sieht ein Video laufen, sehr langsam. Penny Hes Yassour hat das Ganze mit Klang, Musik und Ton unterlegt, auch sehr zurückgenommen und entschleunigt. Wenn Sie Ihrem Blick folgen, sehen Sie unberührte Natur, Sie sehen den Schattenwurf ihrer Installation, die sehr morbide ist. Aber Sie sehen erst mal eine sehr schöne Landschaft und den Vogelflug, Vögel landen, und dann stellen Sie fest, dass die Landschaft so eigenartig rhythmisiert wird. Da sind so auf vier Beine gestellte Tonnen: gar nicht mal so groß, metallisch, mit Sehschlitzen – und schon haben Sie einen Wachturm vor Augen. Mit dem Lauf der Kamera sehen Sie dann einen Wachturm nach dem anderen verschwinden, der nächste taucht auf, der verschwindet auch wieder und wieder taucht einer auf. Es ist eine Landschaft, die sich ganz eigentümlich politisch auflädt. Denn wozu braucht man dort Wachtürme? Und gleichzeitig sagen Sie, schön ist es trotzdem. Mit der Ambivalenz arbeitet Penny Hes Yassour. Die Arbeit hat den schönen Titel „Resonance Towers“, antwortende Türme. Und sie schwankt zwischen Erinnerung und Vergessen.

Wie groß ist die Teilhabe eines Museums, wenn es politische Kunstwerke zeigt?
Museen sind immer politische Orte. Aber nicht im Sinne von Alltagspolitik. Museen mischen sich nicht in Alltagspolitik ein. Museen sind schon gesellschaftliche Brennpunkte und sie haben einen Auftrag. Und der Auftrag ist im weitesten Sinne auch ein politischer: Es geht um Bildung, es geht um Kommunikation und eine Art von sozialem Leben, Erleben und Erfahren. Museen wollen schon, dass jemand im Idealfall die Häuser betritt und verändert wieder herausgeht.

Und wie halten Sie die Fledermäuse im Bunker vom Wegfliegen ab?
Das ist eine gute Frage, aber die Wände des Bunkers sind dick genug. Penny Hes Yassour baut in der Eingangsinstallation zwei gleich große Räume aus Karton und Kistchen, die werden schwarz gestrichen. Die Räume sind identisch und auch das, was die Räume präsentieren, ist identisch. Es sind Videos, die sie im Weizmann Institute of Science aufgenommen hat, einem Forschungsinstitut in Israel, wo man den Flug von Fledermäusen studiert – in geschlossenen Räumen. Dort fragt man, wie sich die Fledermaus umschlossen von vier Wänden eigentlich zurechtfindet. Und das hat Penny Hes Yassour zum Anlass genommen, ein Video darüber zu machen. Also den Flug, der ja im Dunkeln stattfindet, man sieht also so weiße Schemen durch einen dunklen Raum fliegen mit leuchtenden Augen, den Augen, die das Objektiv treffen. Die Fledermäuse kreisen, sie kommen näher, sie verschwinden. Auch das wird von einem Ton hinterlegt. Und man befindet sich selber in einer klaustrophobischen Enge – und da sind wir wieder beim Thema Grenzen. Man muss es gar nicht so politisch fokussieren, aber die Konnotationen tauchen dann doch von selbst auf. Man würde ihr Unrecht tun, wenn man sagt, eine Künstlerin aus Israel kann ja gar nicht anders – natürlich kann eine Künstlerin aus Israel auch anders. Sie hat vergleichbare Ängste, Wünsche, Hoffnungen und Träume wie Leute in Westeuropa.

Penny Hes Yassour – Temp-Est | 5.5. – 14.7. | Kunsthalle Recklinghausen | 02361 50 19 35

INTERVIEW:

PETER ORTMANN

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