Heimat als Phantomschmerz

„Heimat 4.0“ in der Alten Feuerwache, Foto: Meyer Originals

Heimat als Phantomschmerz

„Heimat 4.0“ in der Alten Feuerwache

Was ist Heimat in einer digitalen und globalisierten Gesellschaft? Eine Illusion, deren Anhänger nur noch im rechten Lager zu finden sind? Gerade dort mutierte er in den letzten Jahren ja zum Kampfbegriff. Oder ist „die Heimat“ noch zu retten? Das A.Tonal.Theater machte sich in der Alten Feuerwache auf die Suche nach Antworten.

Vier professionelle und fünf Laienschauspieler hatten sich dazu versammelt. Auf der Bühne traten sie dem Publikum mal als assoziationswütige Flut, mal als rechtspopulistische Politikerhorde entgegen. Und all die bösen Ideologen des Nationalismus wurden dann auch brav abgeklappert: Trump-, Hitler- und Höcke-Reden wurden zitiert und durch düstere Szenerien und Musikuntermalung als das verdammt, was sie vermutlich auch sind: böse Apologien, die den Heimatbegriff für ihre Machenschaften vereinnahmen. Nur fragt man sich leider, welchen Mehrwert es hat, die berüchtigte Dresdener Mahnmalrede, die über Wochen durch die Medien geisterte, dem Zuschauer als endlose Gruselversion erneut zu servieren. Man kann dem Ensemble um Regisseur Jörg Fürst zugute halten, die Ideologie des Rechtspopulismus präzise zu entlarven: ihre reaktionären Vorstellung von Volk und Heimat, ihr gefährliches Spiel mit Emotionen und Affekten. Nur: Neben all den gut gemeinten Verdammungen der Rechten ist wenig Platz geblieben für eine Reflexion über alternative Vorstellungen von Heimat. Das vierte Kapitel des Stückes, in dem Anja Jazeschann die Geschichte ihres ukrainischen Vaters über Verlust und Wiedergewinn von Heimat erzählt, bildet eine leuchtende Ausnahme, in einer sonst dunklen Belehrungsstunde, die den Rechtspopulismus als Horrorfilm inszeniert.

Auch das Fazit des Abends passt da ins Bild: In Anlehnung an Christian Schüle wird die Heimat im Epilog als Phantomschmerz verkauft. Es gibt ja eigentlich gar nichts zu meckern: Die Zukunft der globalisierten und hypermobilen Welt steht jedem – kulturelles und wirtschaftliches Kapital vorausgesetzt – offen. Und so bleibt der Begriff Heimat dem Diskurs der Rechten überlassen. Eine vertane Chance, ihn sich wiederzuholen.

„Heimat 4.0 – Ein unheimliches Bürgertheater“ | R: Jörg Fürst | 25.-28.1., 1.- 4.3. 20 Uhr | Alte Feuerwache | 0221 985 45 30

Autor

FLORIAN HOLLER

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