„Frauen fühlen sich zu Recht entmündigt“

Marina Knopf, Foto: Familienplanungszentrum e.V.

„Frauen fühlen sich zu Recht entmündigt“

Diplom-Psychologin Marina Knopf zur Debatte um den Paragrafen 219a

trailer: Frau Knopf, ist der Schwangerschaftsabbruch noch ein Tabuthema?
Marina Knopf: Er ist auf jeden Fall ein Tabu. Meinen Erfahrungen nach sprechen die Frauen wenig mit anderen darüber. Diese Tabuisierung hat übrigens wieder zugenommen: In den 80er Jahren war das Thema noch Teil der öffentlichen Debatte – nun werden Schwangerschaftsabbrüche wieder stärker verschwiegen.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da? Zu Beginn der 1980er Jahre wurde etwa die Hälfte aller Abbrüche in den Niederlanden allein an deutschen Frauen durchgeführt.
Es herrscht bei weitem keine Klarheit über das Thema. Generell sollte in Deutschland jede Frau die Möglichkeit haben, eine Abtreibung vornehmen zu lassen. In Städten wie Hamburg ist das auch kein Problem. Aber was ist, wenn Sie in einer ländlichen Gegend wohnen? Prinzipiell ist das dort auch möglich, aber in der Umsetzung? Die Frauen dort müssen oft mehrere hundert Kilometer fahren und aufgrund des mangelnden Angebots ist der Eingriff dann auch oft nicht ambulant möglich, sondern muss in einer Klinik durchgeführt werden. Ein unnötiger Aufwand, der mit viel Stress verbunden ist. Und es ist immer noch so, dass die betroffenen Frauen dafür ins Ausland gehen. Wer in Süddeutschland wohnt, fährt nach Österreich, die Frauen im Westen in die Niederlande. Es gibt Länder, die sind freizügiger, haben aber auch einige Besonderheiten. Dort sind die Gesetze beispielsweise lockerer, aber die Durchführung erweist sich als schwierig. In Italien beispielsweise gibt es eigentlich eine Fristenregelung, aber viele Ärzt*innen können Abtreibungen mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren. Und sie sind nicht verpflichtet, den Eingriff durchzuführen.

Was wird die Neuregelung des Paragrafen 219a bewirken?
Wenn diese Regelung so kommt wie vorhergesehen, ist sie ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Nun ist es immerhin erlaubt, auf den Seiten der Ärzt*innen zu lesen, dass sie eine Abtreibung durchführen. Wünschenswert wäre es aber, den Paragrafen 219 ersatzlos zu streichen und stattdessen umfassende Informationen anzubieten. Und natürlich sind Schwangerschaftsabbrüche generell erst einmal rechtswidrig. Das wirkt abschreckend und trägt so auch sicherlich zur Tabuisierung bei.

Paragraf 219a verbietet Werbung für Abtreibungen. Können Frauen mit Informationen nicht eigenverantwortlich umgehen?
Ich halte es für diffamierend, so zu tun, als ob Frauen dermaßen ignorant und verantwortungslos mit ihrer Schwangerschaft umgehen würden. Und Werbung für Abtreibungen? So etwas gibt es gar nicht. Keine Frau liest Informationen über einen Schwangerschaftsabbruch und lässt sich davon inspirieren, einen durchzuführen.

Zur Person:
MARINA KNOPF
Marina Knopf (58) ist Diplom-Psychologin und arbeitet seit 1990 als Beraterin im Familienplanungs-zentrum e.V. in Hamburg. Hier berät sie Frauen in Schwangerschafts-konflikten. 2015 erschien das Buch „Traurig und befreit zugleich . Psychische Folgen des Schwangerschafts-abbruchs“ von Knopf/Mayer/Meyer. Foto: Familienplanungs-zentrum e.V.

Frauen, die abgetrieben haben, werden oft Traumata, Schuldgefühle und Versagen zugeschrieben. Gesundheitsminister Spahn will nun eine Studie über die „seelischen Folgen“ in Auftrag geben. Was sind die Folgen?
Viele Frauen kommen zu uns und sind unsicher. Eigentlich haben sie sich schon für die Abtreibung entschieden, aber die öffentliche Meinung beunruhigt sie. Früher hat die Kirche als Institution die Abtreibung verdammt. Dann kamen noch pseudo-medizinische Warnungen auf: Dass Frauen davon unfruchtbar werden – was natürlich nicht stimmt. Und heute wird von Abtreibungsgegnern behauptet, dass jede Frau, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lässt, dadurch zwangsläufig traumatisiert wird. Auf diesen Zug möchte Herr Spahn mit seiner geplanten Studie aufspringen. Die Existenz eines sogenannten „Post-Abortion-Sydroms“ ist allerdings längst wissenschaftlich widerlegt.

Sie haben mit Frauen gesprochen, die einen Eingriff haben durchführen lassen. Was war das Ergebnis der Studie?
Die Studie ist jetzt ja nun schon ein bisschen älter, aber die Resultate sind immer noch aktuell – das bezeugen auch die Erfahrungen, die ich in der Beratung mache. Den allermeisten geht es gut nach einem Schwangerschaftsabbruch. Es müssen einige Voraussetzungen gegeben sein: Die erste Bedingung ist, dass die Abtreibung selbstverständlich von der Frau gewollt sein muss. Die Behandlung muss medizinisch gut und menschlich respektvoll verlaufen. Wenn eine Frau religiös ist, muss sie sich natürlich mit ihrem Glauben auseinandersetzen. Wenn sie früher bereits psychische Erkrankungen hatte, besteht die Gefahr, dass diese durch ein erschütterndes Ereignis wieder aktualisiert werden. Dieses besteht dann aber eher in der ungeplanten Schwangerschaft und dem Konflikt, den diese mit sich bringt. Sicherlich gibt es auch Frauen, die traurig sind. Denn auch, wenn etwas die richtige Entscheidung ist, fällt es nicht immer leicht. Und dann gibt es da noch viele Frauen, die gar nicht traurig sind. Die sagen dann einfach: Das war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.

Für Ärzt*innen ist der Eingriff an sich keine große Herausforderung. Aber was macht das ihnen, wenn sie sich immer am Rande der Kriminalität befinden?
Selbstverständlich geraten die Ärzt*innen unter Druck. Sie müssen es ertragen, von Lebensschützern als „Mörder“ beschimpft zu werden. Vor allem diejenigen, die sich niedergelassen haben, müssen sich jeden Tag damit auseinandersetzen. Das Angebot an sich ist eigentlich eine gute Arbeit, weil man den Frauen damit helfen kann. Aber die permanenten Anfeindungen sind immer belastend.

Der Eingriff ist an sich schon nicht Teil der Ausbildung. Wird das Thema so systematisch ausgegrenzt?
In Kliniken werden Abtreibungen seltener durchgeführt und dort findet die Ausbildung ja vor allem statt. Wenn ein Eingriff dort vollzogen wird, dann meistens, wenn sich die Schwangerschaft schon in einem fortgeschrittenen Stadium befindet. Schwangerschaftsabbrüche werden in der Ausbildung der Mediziner*innen nicht gelehrt und so natürlich systematisch aus dem Medizinbetrieb ausgegrenzt. Als 1982 das Familienplanungszentrum hier gegründet wurde und auch andere in Deutschland entstanden, haben wir von niederländischen Mediziner*innen gelernt.

Macht die Behandlung zum Außenseiter? Wie reagieren Mediziner-Kolleg*innen? Solidarisieren sie sich?
Klar gibt es Solidarität, aber ich kann mir schon Umfelder vorstellen, in denen Abgrenzung erfolgt. Bei so einem von der Öffentlichkeit geächteten Thema wird man sich nicht unbedingt hinstellen und sagen: „Ich mache das gerne“. Als Herzchirurg*in hat man sicherlich ein besseres Image als eine Gynäkolog*in, die zu Abtreibungen steht.

Fühlen sich Frauen durch die Gesetzlage entmündigt?
Ja, manche schon, anderen fällt das nicht so auf. Aber es gibt auch viele, die fragen: „Warum bin ich zur Beratung verpflichtet? Ist das nicht meine Entscheidung?“ Und sie fühlen sich zu Recht entmündigt, denn das Gesetz sagt ja: Du als Frau kannst es eben nicht alleine entscheiden.

Wie würden Sie die Zusammensetzung derjenigen einschätzen, die sich für einen Abbruch entscheiden?
Der Anteil der Minderjährigen ist sehr gering. Die sind meist gut aufgeklärt und verhüten. Die Mehrheit, der Frauen, die abtreiben, ist erwachsen. Häufige Gründe für einen Schwangerschaftsabbruch sind Beruf und Ausbildung oder die partnerschaftliche Situation – wenn der Partner gegen ein Kind oder die Frau alleinstehend ist.

Auch in der Kultur findet keine Auseinandersetzung statt. Es gibt kaum Bücher oder Filme, die das Thema behandeln.
Es gibt Filme von jungen Frauen, die ungeplant schwanger werden und dann ihr Happy End als junge Mütter erleben. Ich würde mir mal einen guten Film wünschen, in dem sich eine junge Frau für den Abbruch entscheidet und damit am Ende zufrieden ist.

In den 70ern wurden im „Stern“ Frauen vorgestellt, die abgetrieben haben. Würde es uns heute weiter helfen, wenn wir Frauen des öffentlichen Lebens hätten, die Stellung beziehen würden?
Die „taz“ hatte vor kurzem eine ähnliche Aktion von Ärzt*innen, die sich dazu bekannt haben, Abtreibungen durchzuführen. Toll! Ich würde mir wünschen, dass es so eine Art „MeToo“ in Bezug auf Schwangerschaftsabbrüche geben würde. Prominente könnten da sicher was in Bewegung setzen.

INTERVIEW:

LISA THIEL

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