Eternity, Melody und Destiny

Foto: Fred Debrock

Eternity, Melody und Destiny

„Der Hamiltonkomplex“ am Schauspielhaus Bochum

Verluste muss man feiern. Umso mehr, wenn sie eine große Zukunft versprechen. Dreizehn Darstellerinnen im Alter von 13 Jahren betreten die Bühne der Bochumer Kammerspiele und zelebrieren ihren Abschied von der Kindheit. Eine multikulturelle  Riege, die zunächst als Stewardessen zwischen antiken Säulen und Pferdeattrappe Sicherheitsanweisungen für die absurdesten Unglücke gibt – und auch nach der Anwesenheit von Pädophilen fragt. Man kann nie wissen. Nur um dann mit ohrenbetäubendem Geschrei auseinanderzustieben – irgendwo zwischen Panik und Ekstase. Mühsam versucht der Bobybuilder Stefan Gota die Truppe in Schach zu halten, was ihm nicht wirklich gelingt. Die Namen, mit denen sich die Mädchen vorstellen, stammen aus der popkulturellen Sugarbox: Eternity, Melody oder Destiny. Sie verkleiden sich als wölfisch verstellte Rotkäppchen, fegen als wilde Hundehorde über die Bühne, lagern als Hippiemädchen am Boden – was vermutlich vor ihnen ihre Großmütter getan haben. In einer der berührendsten Szenen tanzt Stefan Gota mit einem behinderten Mädchen zu Antonio Caldaras Arie „Selve amiche“ einen Pas-de-deux, in dem sich für einen Moment alles Leid in musikalischer Harmonie aufzulösen scheint.

Regisseurin Lies Pauwels, die „Der Hamiltonkomplex“ 2015 am Hetpalais in Antwerpen entwickelt hat, lotet mit ihrer Truppe den Raum zwischen Kindlichkeit und selbstbewusster Subjektivität, zwischen medialem Bild und Selbstbild aus. Die Inszenierung streift dabei allerdings immer wieder die Grenzen zum Voyeurismus. Ob als säuselnde Sugar Dolls mit Schleifchen und Zuckerwattehaaren, ob als Models im Badeanzug oder als ramponiertes Vergewaltigungsopfer in Strumpfhosen, dessen Bericht sich als Posing herausstellt – medial vermittelte, artifizielle Lolita-Bilder und ihre ironische Brechung dominieren den Abend. Den heruntergezoomten „normalen“ Adoleszenzhabitus einer 13-Jährigen sucht man dagegen vergebens. Pauwels‘ Verdienst liegt eher in einem theatralen Empowerment der dreizehn Darstellerinnen, die mit ungeheurer Souveränität agieren und hohes Selbstbewusstsein im Umgang mit Bildern an den Tag legen.

„Der Hamiltonkomplex“ | R: Lies Pauwels | 1., 2., 7., 8., 14.-16., 22., 23., 31.12., 3.-5.1. | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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