Es fehlt eine Gemeinwohlbilanz

Geld regiert die Welt - noch, Foto: Pakhnyushchyy/fotolia

Es fehlt eine Gemeinwohlbilanz

Attac-Mitbegründer Christian Felber über sein Gemeinwohlökonomie-Konzept – Thema 11/15

trailer: Was ist die Gemeinwohl-Ökonomie und wodurch zeichnet sie sich aus?

Christian Felber: Es handelt sich um eine ganzheitliche neue Wirtschaftsordnung, eine Alternative zu Kapitalismus und Kommunismus, die auf universalen Werten aufbaut. Ziel ist das Gemeinwohl; Geld und Kapital sind nur Mittel. Wirtschaftlicher Erfolg wird an der Erreichung des Zieles gemessen werden und nicht wie heute an den Mitteln. Deshalb werden Bruttoinlandsprodukt, Profit und Rendite von Gemeinwohl-Produkt, -Bilanz und -Prüfung als primäre Erfolgskenngrößen abgelöst. Je höher die ausgewiesenen ethischen Leistungen eines Unternehmens, desto stärkere rechtliche Anreize erhält es: bei Steuern, Zöllen, Zinsen und öffentlichen Aufträgen. So werden nachhaltige Produkte preisgünstiger als unethische und nur verantwortungsvolle Unternehmen überleben.

Welche Maßnahmen müssen an dem bestehenden Wirtschaftssystem durchgeführt werden um eine Gemeinwohl-Ökonomie langfristig durchzusetzen?

Christian Felber ist Mitbegrüder von Attac Österreich und hat ein Konzept zur Gemeinwohlökonomie entworfen. Im Interview spricht er über die Probleme des bestehenden Wirtschaftssystems und notwendige Änderungen.
Foto: Robert Gortana

Die drei wichtigsten Umsteuerungen sind: die Anpassung der ökonomischen Erfolgsmessung auf das verfassungsmäßige Ziel. Zweitens sollten negative Rückoppelungmechanismen eingebaut werden, um die Konzentration von Einkommen, Vermögen, Erbschaften und Unternehmen zu bremsen und zu deckeln. Drittens schlagen wir die Weiterentwicklung der Demokratie vor, von der rein repräsentativen zu einer „Souveränen Demokratie“ hin. In dieser werden die verfassungsmäßigen Grundregeln für die Wirtschaft von der höchsten Instanz, dem Souverän, geschrieben; die Vertretung des Souveräns führt diesen Verfassungswillen mit Gesetzen aus.

Gemeinwohl ist nicht Teil des heutigen Leistungssystems. Liegt es denn in der Natur des Menschen?

Die Sorge für andere ist als Fähigkeit in uns genauso veranlagt wie Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit. Doch kein Gen zwingt uns zu etwas. Wie wir uns verhalten, ist zum einen eine freie Entscheidung von Individuen; zum anderen kommt es auf die gesellschaftlichen Spielregeln an, welche Verhalten belohnt werden. Genau an diesem Punkt setzt die Gemeinwohl-Ökonomie an: In der Wirtschaft sollen menschliche Tugenden gefördert werden. Umgekehrt soll das Leben menschlicher Schwächen zu Misserfolg führen. Das wäre der wirkungsvollste Hebel für das Gemeinwohl.

Sie schlagen statt einer Finanzbilanz eine Gemeinwohlbilanz vor, welche Faktoren sollten Ihrer Meinung zu dieser Bilanz gehören?

Wir schlagen vor, dass alle Verfassungswerte abgefragt werden: Menschenwürde, Solidarität, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Demokratie. Wendet man sie auf die „Berührungsgruppen“ eines Unternehmens an – von den Zulieferbetrieben bis zu den zukünftigen Generationen und den Planeten, kommen dabei fast von selbst die wesentlichsten Indikatoren: Sinnhaftigkeit des Produkts, menschliche Arbeitsbedingungen, Verteilungsgerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, innerbetriebliche Transparenz und Demokratie.

Wie funktionieren demokratische Gemeinwohl-Banken wie bspw. die GLS-Bank, die Ethik-Bank oder die Bank für Gemeinwohl, die Sie gerade in Österreich gründen?

Sie haben grundsätzlich ein anderes Ziel: das Gemeinwohl umfassend zu fördern. Sie spekulieren nicht und finanzieren nur sinnvolle Projekte, die eine ethische Bonitätsprüfung bestanden haben. Die Bank für Gemeinwohl wird keine Gewinne ausschütten und die SparkundInnen zum Verzicht auf den Sparzins einladen – was wir über Bildungsangebote an der Geld-Akademie systemisch gut begründen. Wir bauen die betriebliche Demokratie über die Anforderungen des Genossenschaftsgesetzes aus und lassen die EigentümerInnen auch während des Jahres mitbestimmen. Schließlich wollen wir mit unserem Beispiel andere Banken inspirieren. Langfristziel ist die demokratische Reform der Geld- und Finanzordnung.

Wäre eine Welt ohne Geld denkbar? Und was könnte an die Stelle des Geldes treten?

Ja, auch wenn ich das erst als übernächsten Schritt sehe. Jetzt geht es um die Demokratisierung des Geldes und um einen bewussten Umgang damit, der durch ethische Regeln gestützt wird. Grundsätzlich ist es aber denkbar, die Währung zunächst auf Zeit umzustellen: Alle Menschen geben Zeit, was ihren Kontostand erhöht, und können die Zeit anderer Menschen konsumieren, was ihren Kontostand verringert. Noch längerfristig könnte die Zeitwährung durch eine Kombination aus Vertrauen und Verantwortung abgelöst werden: Menschen bringen ihre Gaben dankbar ein und stellen wertvolle Güter her, im Vertrauen darauf, dass andere dasselbe tun: So entstünde Fülle für alle. Voraussetzung sind gereiftere Personen.

Trifft die Gemeinwohl-Ökonomie den Nerv der Zeit?

88% der Menschen in Deutschland wünschen sich eine ethischere Wirtschaftsordnung. Zwei Drittel haben angegeben, dass sie die Ablöse des BIP durch ein „Bruttonationalglück“ befürworten. In fünf Jahren haben sich fast 2000 Unternehmen der Bewegung angeschlossen. 86% der Mitglieder des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses haben in einer Stellungnahme für die Gemeinwohl-Ökonomie gestimmt: Also ja!

Autor

NINA RYSCHAWY

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