„Er ist Mörder und Gemordeter zugleich“

Charlotte Sprenger, Foto: © Schauspiel Köln

„Er ist Mörder und Gemordeter zugleich“

Charlotte Sprenger inszeniert Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“

Heimkehrerdrama, Anti-Kriegsstück, Schullektüre – an Wolfgang Borchert kommt anscheinend niemand vorbei, der über die Zeit nach dem 2. Weltkrieg etwas erfahren will. Der frühere Soldat Beckmann irrt nach dem Kriegsende durch seine zusammengebombte Heimatstadt Hamburg. Es begegnet einem allegorischen Figurenreigen und schreit ihnen seine Wut und seinen Protest ins Gesicht. Hat der Anti-Kriegsklassiker von Borchert, der den Text in acht Tagen niedergeschrieben haben soll, uns heute wirklich noch etwas zu erzählen? Die junge Regisseurin Charlotte Sprenger bringt ihn im Schauspiel Köln auf die Bühne.

choicesFrau Sprenger, „Das ist alles so lang vorbei“, heißt es im Toten-Hosen-Song „Draußen vor der Tür“. Wie weit weg ist Borcherts gleichnamiges Stück von uns heute?
Charlotte Sprenger: Das Stück ist achtzig Jahre alt und spielt in der Nachkriegszeit. Die unmittelbare Kriegssituation und ihre Folgen sind mir heute natürlich fremd. Aber mir ist auch der Osten in einem Fritz-Kater-Stück fremd oder wenn Medea ihre Kinder umbringt. Es ist ein gefährlicher Denkansatz, davon auszugehen, dass das alles nichts mit mir zu tun hat oder zu weit weg ist. Für den Frieden in Europa haben wir schließlich keine Garantie. Außerdem sagt der Text sehr viel über Krieg aus und wie er sich für die Welt damals angefühlt hat. Das Stück wurde zwar nach der Uraufführung gefeiert, aber auch sehr kritisch besprochen. Beckmanns Position ist durchaus angreifbar und darin liegt auch die große Qualität des Dramas: Es macht sich angreifbar, was viel zu selten passiert. Ich sehne mich danach, dass man viel öfter verletzlichere Positionen in der Welt einnimmt.

Ein Mann kommt nach Deutschland, heißt es am Anfang. Warum nicht: Ein Mann kommt nach Hause?
Er kommt nicht nach Hause, weil er kein Zuhause mehr hat. Das, was er kannte oder Zuhause nannte, existiert nicht mehr. So empfindet er es. Ob das so ist, ist die große Frage. Was bedeutet eigentlich zuhause? Ich habe drei Frauengenerationen auf der Bühne und das bringt völlig unterschiedliche Antworten mit sich. Was Heimat ist, ist für mich eine noch nicht beantwortete Frage. Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg war durch die Gewalt und den Gedanken der Kollektivschuld traumatisiert, der im Stück im Übrigen kaum thematisiert wird. Beckmann geht es nur um die elf ums Leben gekommenen Soldaten, für die er verantwortlich war und an deren Tod er sich schuldig fühlt. Es ist allerdings interessant, die Kollektivschuld mit zu bedenken. Es war einem Großteil der Bevölkerung durchaus klar, was unter den Nazis passiert ist.

Kann man es Beckmanns Mitmenschen verdenken, wenn sie den zerstörerischen Krieg vergessen wollen und sich der Zukunft zuwenden?
Damals war Borcherts Stück eine Anklage gegen die Verdrängung. Beckmann klagt die Generation vor ihm an. Aber er selbst ist Mörder und Gemordeter zugleich und damit genauso schuldig wie die anderen auch. Auch er hat nicht gegen Hitler opponiert. Deshalb ist es schwierig, ihn moralisch über die anderen zu stellen. Gleichzeitig ist der Oberst sicherlich eine Figur, die auch nach 1945 noch lange in ihrer Funktion geblieben ist. Da fragt man sich schon, was das für Deutschland und die Erinnerungskultur bedeutet hat. Beckmann bezieht eine Position, die letztlich nichts für die Gesellschaft bringt: Er fühlt sich als Opfer und klagt die Welt an.

Weist ihn deswegen auch die Elbe ab, als er Selbstmord begehen will?
Die Ausgangssituation des Stücks ist, dass Beckmann die Sinnlosigkeit der Welt für sich erkennt und daraus die für sich logische Schlussfolgerung zieht: Suizid. Er möchte die Sinnlosigkeit seines Daseins nicht verdrängen. Die Alternative wäre die Sinnlosigkeit des Seins als das Schöne zu erkennen. Dazu gibt ihm die Elbe die Chance. Die Frage ist dann: Wie wird man handlungsfähig angesichts all der Sinnlosigkeit? Beckmann leidet an einer, so würde man heute sagen, traumatischen Belastungsstörung. Alle anderen haben damals aber auch ein Trauma erlebt: die Erwachsenen, die Kinder, die im Krieg geboren wurden. Außerdem sind sechs Millionen Juden in den Konzentrationslagern gestorben, Beckmann aber hat überlebt. Ich bin eine Verfechterin des Grundsatzes, dass man fürs Leben kämpfen sollte.

Im Stück kommen Soldaten und ein Oberst, aber auch Gott oder der Andere vor: Wie realistisch oder wie allegorisch ist das Stück?
Ich versuche das Traumhafte stark hervorzuheben. Das Stück ist ein großer Rausch: Nach dem Vorspiel springt er in die Elbe, man kann die folgenden Szenen auch als eine Nahtod-Erfahrung lesen. Am Ende des Stückes bleibt Beckmann allein und beginnt, die Auseinandersetzung mit sich selbst zu führen. Man könnte es so lesen, dass Beckmann ein ganzer Mensch wird und alle Stimmen in sich eint. So gesehen ist das Stück vielleicht gar nicht so dystopisch, wie es häufig gelesen wird. Es gibt ein Vorwort zum Hörspiel von „Draußen vor der Tür“, das damals gestrichen wurde. Darin heißt es: „Eine Injektion Nihilismus, bewirkt oft, dass man aus lauter Angst, wieder Mut zum Leben bekommt.“ Das ist das für mich schlüssige Vorwort zu dem Stück.

Wer ist der Andere?
Der Andere ist eine Art lebensbejahendes Alter Ego, er könnte auch zum Beispiel ein Soldat sein, der im Krieg gefallen ist und sagt: Bring dich nicht um, ich bin schon tot und das reicht. In unserer Setzung trifft ein Mann, Beckmann, auf eine Welt, die aus Frauen aus drei Generationen besteht. Der Andere ist somit für mich so etwas wie die weibliche Kriegsstimme. Bei Borchert sind die Frauenfiguren, wie zu der Zeit üblich, nur Lust-  oder Hassobjekt. Er interessiert sich nur für das weibliche Schicksal, wenn es im Zusammenhang mit dem männlichen Schicksal steht. Die Besetzung ist ein Versuch, die weibliche Stimme in der Nachkriegszeit facettenreicher zu erzählen, als Borchert das tut.

Wo spielt denn das Stück bei Ihnen?
Wir haben eine recht abstrakte Bühne: Zelte als Welt des Draußen und es ist eine ziemlich düstere Welt. Mich hat nie interessiert „Draußen vor der Tür“ konkret in die Gegenwart zu übersetzen, es stecken allerdings viele Aspekte darin, anhand derer man, gerade in Anbetracht der politischen Entwicklung der Welt, über die Gegenwart nachdenken kann.

„Draußen vor der Tür“ | R: Charlotte Sprenger | 26.10.(P), 2., 10., 22., 29.11. 20 Uhr | Schauspiel Köln | 0221 221 28400

Zur Person:
Charlotte Sprenger
war von 2013-16 Regieassistentin am Schauspiel Köln und arbeitet seitdem als freie Regisseurin. Am Schauspiel brachte sie Stücke von Fritz Kater, Venedikt Jerofejev und die deutsche Erstaufführung von „Kleines“ von Hannah Moscovitch auf die Bühne. Darüber hinaus inszeniert sie am Theater der Keller und am Landestheater Linz.

INTERVIEW:

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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