„Eine natürliche Geburt hat psychische und physische Vorteile“

Katharina Desery, Foto: privat

„Eine natürliche Geburt hat psychische und physische Vorteile“

Katharina Desery von Mother Hood e.V. über selbstbestimmte Geburten und Hebammenmangel – Thema 01/19 Geburts-Tag

choices: Frau Desery, was ist eine „natürliche Geburt“?
Katharina Desery: Mutter und Kind sind schon während der Schwangerschaft als Einheit zu verstehen. Der Fachbegriff dazu lautet „Motherbaby“ oder eben „MutterBaby“. Die Geburt wird durch hormonelle Prozesse in Gang gesetzt, das Kind bestimmt den Geburtsbeginn also quasi selbst. In diesen Prozess sollte so wenig wie möglich von außen eingegriffen werden. Ganz streng gefasst ist das dann eine natürliche Geburt, bei der es keine medizinischen Eingriffe gibt und Mutter und Kind die Unterstützung und Zeit bekommen, die sie brauchen.

Welche Vorteile hat eine natürliche Geburt?
Menschen sind Säugetiere, keine Maschinen. Unser Körper funktioniert in der Regel sehr gut und wenn Frauen die Möglichkeit haben, natürlich und aus eigener Kraft zu gebären, sind sie hinterher mit der Geburtserfahrung zufriedener. Es ist dann eine Erfahrung, die sie stärker macht und die Bindungsfähigkeit erhöht. Das wirkt auch in die Zeit danach, wenn es ums Stillen geht oder die Mutter mit dem Kind zuhause ist. Und diese Erfahrung muss Frauen und ihren Kindern ermöglicht werden.  Eine natürliche Geburt hat psychische und physische Vorteile. Innerhalb unserer Gesellschaft hat eine natürliche Geburt aber keinen hohen Stellenwert.

Natürliche Geburten sind also eher Ausnahme als Regel?
Bei den meisten Geburten wird nachgeholfen. Das beginnt mit der medikamentösen Einleitung der Geburt, die schon ein massiver Eingriff ist. Das geht weiter mit der Gabe von Schmerzmitteln über die Periduralanästhesie (PDA) bis hin zu operativen Eingriffen wie dem Kaiserschnitt. Diese Eingriffe stören den Geburtsverlauf, ebenso wie eine Verlegung. Wenn der Kreißsaal voll ist oder aus Personalmangel nicht besetzt werden kann, werden auch Frauen mit Wehen manchmal noch verlegt. Auch das ist ein Eingriff, der die natürliche Geburt hemmt, dabei werden Stresshormone ausgeschüttet, die eine negative Wirkung haben. Sie führen zum Beispiel zu einem Geburtsstillstand, der dann wiederum medikamentös in Gang gebracht werden muss.

Warum wird so häufig eingegriffen?
Das ist eine schwierige Frage. Wenn wir bei den Klinikgeburten bleiben – und 98 % aller Geburten in Deutschland finden dort statt – hat das unterschiedliche Gründe. Ob eine Geburt am fünften oder zehnten Tag nach dem sogenannten errechneten Geburtstermin eingeleitet wird, liegt im Ermessen der Klinik. Teils gründet das in Standards, die jemand irgendwann festgelegt hat und nach denen wird dann gehandelt. Auch die Haftpflicht, in Bezug auf die Klinik, spielt eine Rolle. Die Kliniken müssen viel machen, um im Ernstfall nicht als diejenigen dazustehen, die nichts gemacht haben. Die Bedürfnisse von Mutter und Kind stehen eben nicht im Vordergrund. Das können sie auch gar nicht, wenn man so viel in das Geburtsgeschehen eingreift. Teilweise kommen Eltern auch mit der Erwartungshaltung in eine Klinik, dass Schmerzen vermieden werden und die Geburt voran gehen soll. Sie müssten besser darüber aufgeklärt werden, dass Geburten Zeit brauchen und anstrengend sein können.

Zur Person:
Katharina Desery (44) ist dreifache Mutter und seit der Gründung von Mother Hood e. V. im Jahr 2015 in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Vereins tätig, seit 2017 auch im Vorstand. Foto: privat

Wie und wo sind natürliche Geburten denn möglich?
Frauen mit einer unkomplizierten Schwangerschaft können sich überlegen, ob sie wirklich in eine hochgerüstete Klinik gehen wollen. In solchen Kliniken kommt die vorhandene Technik natürlich auch zum Einsatz, selbst wenn die Geburt normal verläuft. Es gibt aber auch kleinere Kliniken ohne angeschlossene Kinderstation, die regelgerecht verlaufende Schwangerschaften und Geburten sehr gut betreuen können. Vorab sollten sich werdende Eltern möglichst viele Kliniken in der Umgebung anschauen oder auch überlegen, ob generell eine außerklinische Geburt in Frage kommt. In vielen Orten Deutschlands haben Mütter aber gar nicht mehr die Wahl, ob sie in eine Klinik oder ein Geburtshaus gehen wollen, weil es zu wenig Kapazitäten gibt.

Was passiert, wenn es in Geburtshäusern doch zu Komplikationen kommt?
Wenn es während der Schwangerschaft Komplikationen gibt oder andere Ausschlusskriterien greifen, würde vorab keine Hebamme dazu raten, eine außerklinische Geburt in Erwägung zu ziehen. Bei einem gesunden Schwangerschaftsverlauf und wenn es keinerlei Anzeichen gibt, dass es zu Komplikationen kommen könnte, sind außerklinische Geburten aber möglich und statistisch erwiesen auch sehr sicher. Das sogenannte Outcome ist sehr gut und kann absolut mit einer Klinikgeburt mithalten. Frauen haben auch oft ein gutes Gespür dafür, ob ein Geburtshaus oder sogar eine Hausgeburt was für sie ist. Die Hebamme ist ja dabei und beobachtet den Geburtsvorgang die ganze Zeit. Bei Problemen kann dann immer noch ohne Gefährdung verlegt werden. Hebammen sind hoch professionell und auch dafür ausgebildet, Auffälligkeiten rechtzeitig zu erkennen.

Wie ist die Situation im Großraum Köln für Geburten?
Die Situation in Köln und Umgebung ist eine Katastrophe. Das betrifft verschiedene Problemfelder. Einerseits finden Frauen hier keine Hebamme für die Vorsorge und die Wochenbettbetreuung. Das gilt auch für ganz NRW, wie eine aktuelle, offizielle Erhebung der AOK zeigt: 20-50% der Frauen haben keine Betreuung im Wochenbett. Zu Köln gibt es zwar keine solche Erhebung, aber in Rücksprache mit der Hebammenzentrale und vielen Müttern gehen wir hier von ähnlichen Zahlen aus, wenn auch mit regionalen Unterschieden. In Stadtteilen mit eher bildungsfernen Einwohnerinnen, das hat auch die AOK Studie ergeben, sind Frauen eher ohne Hebammenversorgung. Sie wissen schlicht nicht, dass sie sich eine Hebamme bereits in der fünften Schwangerschaftswoche suchen müssen oder kennen erst gar nicht ihren Anspruch auf Hebammenbetreuung. Andererseits sind die Kliniken hoffnungslos überfüllt, Personalmangel herrscht sowohl in den Kreißsälen, als auch auf der Frühchenstation.

Aber wer sich gut informiert hat und früh genug anmeldet, ist auf der sicheren Seite?
Selbst wenn sich Frauen bei einer Klinik im Vorfeld angemeldet haben, kann es vorkommen, dass sie an eine andere Klinik verwiesen werden. Auch wenn eine Geburt länger dauert und in der Nachtschicht nur eine Hebamme vor Ort ist kann es sein, dass Frauen in den Wehen verlegt werden müssen. Wenn eine Frühgeburt droht und Frauen sich an die Uniklinik wenden, wo es eine Frühchenstation gibt kann es sein, dass sie nach Leverkusen oder Bonn geschickt werden. Dazu haben wir aber keine konkreten Zahlen. Kliniken haben kein Interesse, diese Zahlen zu erheben. Das wäre für das Image nicht förderlich und manchmal ist es auch tatsächlich besser, Frauen abzuweisen beziehungsweise zu verlegen, statt sie auf dem Flur oder in irgendeinem Abstellraum gebären zu lassen.

Die Probleme sind also bekannt. Was ist die Ursache?
Die mit diesen Problemen konfrontierten Entscheidungsträger sagen richtig: Wo soll das Personal denn plötzlich herkommen, und wer soll das bezahlen? Da gibt es aufgrund der schlechten Bezahlung und der seelisch wie körperlich stark beanspruchenden Arbeit Parallelen zur Problematik in der Pflege. Der Start ins Leben ist aber bisher gar nicht im Fokus der Entscheider oder im Bewusstsein der Politik gewesen. Das beginnt sich erst langsam zu ändern, seit wir mit Mother Hood ordentlich Rabatz machen. Wir haben aber nicht nur eine Hebammenproblematik, es geht um die Not der Eltern. Die gehen natürlich nicht massenhaft auf die Straße dagegen, weil die ganz andere Sorgen haben.

Wofür setzt sich der Verein Mother Hood ein?
Der Verein wurde im März 2015 von Eltern gegründet. Mother Hood setzt sich dafür ein, dass jeder Frau die Geburt möglich ist, die sie sich wünscht und die sie braucht. Wir sind nicht per se für Haus- und gegen Klinikgeburten. Aber wir machen uns stark für natürliche Geburten, welche auch in großen, hochtechnisierten Kliniken möglich sein müssen. Es geht uns um sichere Geburten für alle Frauen, eine selbstbestimmte Geburt, das Selbstbestimmungsrecht der Frau und ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit. Es ist unser Anspruch, dass Frauen bestmöglich informiert sind und selbst wählen können, wo und wie sie ihr Kind zur Welt bringen wollen. Wir wollen Frauen bestärken, diese Selbstbestimmung einzufordern und sie in dem Gefühl bestärken, dass eine Geburt ein besonderes, ein schönes Erlebnis sein kann, aus dem sie dann selbst gestärkt hervorgehen und an das sie sich gerne erinnern.

Was raten Sie werdenden Eltern?
Informiert euch darüber, was ihr braucht, was ihr wollt. Macht euch kundig, welche Alternativen ihr habt und was eure Rechte sind. Fordert ein, dass ihr umfassend informiert werdet. Hinterfragt Maßnahmen, deren Nutzen euch unklar sind. Es gibt immer auch die Möglichkeit zu sagen: Ich möchte das jetzt nicht. Die Frau hat auch hier das Recht, nein zu sagen. Es kann auch helfen, Partner oder Begleitperson vorher zu sagen, was man braucht und will. Damit diese/r dann für einen sprechen kann und gegenüber dem Klinikpersonal bestimmte Dinge artikuliert oder auch einfordert.

Und nach einer Geburt?
Wer keine Wochenbett-Betreuung gefunden hat, sollte das seiner Krankenkasse, dem Gesundheitsamt oder uns melden. Wer nach der Geburt das Gefühl hat, schlecht behandelt worden zu sein, sollte auch in der Klinik ein Nachgespräch einfordern. Es kann der Frau helfen, bestimmte Vorgänge besser nachvollziehen zu können oder eine Entschuldigung zu erhalten. In diese Offensive können aber nicht alle Frauen gehen. In jedem Fall sollten Frauen die Geburt mit ihrer Hebamme aufarbeiten. Manchen Frauen hilft auch der Austausch in einer Selbsthilfegruppe. Sollten die Frauen weiterhin nicht mit der Geburtserfahrung zurechtkommen, kann therapeutische Unterstützung der richtige Weg sein.

INTERVIEW:

MAXI BRAUN

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