Ein paar Takte Heimat

Düstere Coolness: Zeichnung aus der im September erscheinenden Graphic Novel „Nick Cave“ von Reinhard Kleist © Reinhard Kleist

Ein paar Takte Heimat

Tanz die 80er Jahre

Es gibt Phänomene, die bestimmten Leuten gehören, und anderen eben nicht. Gruftie-Sein ist ein solches.

Es läuft „Alice“ von den Sisters Of Mercy. Tanz ich überhaupt zu so was? Aber wer freiwillig auf eine 80ies-Underground-Party geht, hat diesen schaurig-schönen Goth-Evergreen wohl verdient. Augen zu, Abiparty revisited, damals das typische haarspraybetonierte Storchennest auf meinem Kopf und der passende Storchentanzstil dazu – peinlich berührt öffne ich hastig die Augen und finde mich wieder in der Original-Atmosphäre eines 80er Jahre Jugendzentrums. Im Hagener Kulturzentrum Pelmke, Austragungsort dieser skurrilen Retrodiskosause, ist auf sympathische Weise die Zeit stehen geblieben. Um mich herum Damen und Herren mit zu engen Hosen und Kettchen in der Nase, die sich gegenseitig beim Goth-Dance beobachten.

Es läuft „Warm Leatherette“ von The Normal. Nun hält mich nichts mehr. Mit klirrenden, minimalistischen Synthesizerklängen brachte Daniel Miller 1979 im heimischen Vierspurstudio die brutal-kalte Erotik von J.G. Ballards Roman „Crash“ zu verstörender Brillianz. Seine Adresse, gedruckt auf das Backcover der Single, hielten andere Künstler für den Sitz eines Musiklabels und schickten ihre Demoaufnahmen – woraufhin Miller kurzerhand das legendäre Mute Records gründete. „Warm Leatherette“ ist so untanzbar wie es Autounfälle eben sind, und ebenso hypnotisch.

Es läuft „Los ninos del parque“ von Liaisons Dangereuses. Bass und Beats gegeneinander gesetzt, Stakkatosprech mit heftigem Akzent, meerschweinchenähnliches Gequietsche – dieser Pionier des EBM und des Techno beeinflusste massiv die amerikanische House-Szene der frühen 80er. Klingt aber heute abgestanden, stark gealtert, mehr rührend als schockierend. Immerhin, für das größtenteils treu mitgealterte Publikum in der Pelmke funktioniert die Nummer exzellent als Tanzflächenfüller.

Es läuft „Fütter mein Ego“ von den Einstürzenden Neubauten. Das Gute am Altwerden ist ja, dass einem immer scheißegaler wird, was andere denken. Arsch hoch und zappeln, ich spacke den ganzen Mief der 80er weg, die Enge, die miesen Klamotten, die tumben Normen der kleinstädtischen Gruftieszene, tanze die große Lichtschleife full speed hin und zurück, und schmeiße mich dann nach voll ausgespielten 7 Minuten schwer atmend in die Sitzecke. Jaja, das Alter. Staubiges Vergnügen.

Es läuft „Hate Is a 4-Letter word“ von Shock Therapy. Dank an die DJs René & Dirk: mitten rein in die Wunde. Das Stück vereint perfekt alle Ingredienzen des Wave: bleiernde Wiederholungen, tragischer Gesang, der verschleppte Maschinenrhythmus, zu dem man am liebsten den Kopf gegen die Wand schlagen würde, all der Weltschmerz und die innere Zerissenheit … Schnell weg, bevor ich rührselig werde. Die nächste 80er Underground Party kommt bestimmt.

Heimat ist der Ort, wo man sein kann, wie man ist. Vielleicht ist gerade deshalb im Ruhrpott die Gruftieszene noch lebendig. Und mit kohlrabenschwarz kennt man sich hier schließlich aus.

80er-Jahre-Underground-Partys | im Herbst wieder in Bochum und im Kulturzentrum Pelmke im Hagen

Autorin

MELANIE REDLBERGER

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