Dystopia im Stillen Ozean

„Shit Island“, Foto: Meyer Originals

Dystopia im Stillen Ozean

„Shit Island“ von Futur3 in der Orangerie

Es ist wohl der Traum eines jeden Menschen: Scheiße zu Geld machen. Verwirklicht haben ihn die Bewohner des Pazifik-Eilands Nauru. Und zwar nicht sprichwörtlich, sondern tatsächlich. Weil Vögel die Insel in grauer Vorzeit vollkoteten, die Sonne den Vogelschiss trocknete und anschließend ein Regenwald drüber wuchs, entstand mit der Zeit Phosphat. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde der begehrte Dünger erst von den deutschen Kolonialherren und später von ihren britisch-australisch-neuseeländischen Nachfolgern abgebaut. Den Bewohnern brachte das zunächst nichts ein. Doch mit der Unabhängigkeit 1968 ging der Phosphatabbau in staatlichen Besitz über, und die Insulaner lebten in Saus und Braus. Doch jede Party geht irgendwann zu Ende.

Unter dem griffigen Titel „Shit Island“ widmet sich das Theaterkollektiv Futur3 in der Orangerie im Volksgarten den eurozentrischen Vorstellungen vom Paradies auf Erden. In schummrigem, warmem Licht nehmen die Zuschauer im Kreis Platz. In der Mitte steht eine Art Altar mit leuchtenden Blumen, Kerzen und Figürchen. Zu schwül-warmen Ukulele-Aloha-Klängen rezitieren die Schauspieler Irene Eichenberger, Stefan H. Kraft und Luiza Schelling Berichte und Briefe von Weltreisenden. „Hier ist die Südsee, wie du und ich sie erträumt haben.“ Just in dem Moment, wo man sich als Zuschauer fragt, ob man diesen Abend zwei Stunden aushält, nimmt die Inszenierung eine doppelte Wendung und wird zum vollen Erfolg.

Zunächst kommt die inhaltliche Wende: Die Imagination vom Paradies bekommt Risse. Die Fliehkräfte von Imperialismus und Sehnsucht nach Exotik sind enorm. Statt von Idylle handeln die Reiseberichte plötzlich von der Einführung des europäischen Arbeitsethos im Paradies. Und dafür sind „Nigger“ und „Kanacken“ einfach nicht gemacht. Wie in einem Brennglas wird dieser Konflikt – zweite Wende – nach einem Bühnenwechsel am Beispiel Naurus verhandelt.

Unvermittelt nimmt der Abend spielerisch an Fahrt auf. Eichenberger legt eine Insel mit Schotter auf blauer Plastikfolie an, während Regisseur André Erlen live ein Aquarell des Inseldurchschnitts von Nauru fertigt – ein Vorgang der per Videoinstallation an die Wand projiziert wird. Zusätzlich werden live Soundteppiche von brechenden Wellen und Vogelgeschrei eingespielt. „Nauru ist eine Insel aus Scheiße. Sie sieht aus wie Scheiße. Und riecht wie Scheiße. Aber wenn Sie Geschäftssinn haben, können Sie unglaublich viel Schotter machen.“ Wie das in den 1970er Jahren ging, demonstriert ein kleiner ferngesteuerter Bagger, der das gerade noch liebevoll aufgeschüttete und mit Zweigen begrünte Modell-Inselchen auf der Bühne einfach wegbaggert. 40 Dollar pro Tonne Phosphat brachten die Bagger dem Staatshaushalt ein, der zum Großteil einfach an die Bevölkerung ausgezahlt wurde. In den 1970ern hatte Nauru eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt.

Naurutopia, sozusagen. Luxusautos, Eiscrème und Tiefkühlkost hinterlassen aber Spuren. Der Polizeichef kaufte sich einen Lamborghini. „Blöd nur, dass er zu fett war sich hinters Steuer setzen zu können“, erzählen Eichenberger und Schelling in der Rolle von Schweizer Touristinnen, die 1983 Nauru besuchten. Es ist das Highlight des Abends, wenn die beiden mit diesem speziellen schweizerischen Phlegma erklären: „Aber geschäftstüchtig sind die nicht. [lange Pause] Im westlichen Sinne.“ Erlen zeichnet dazu einen Nauruer auf der Intensivstation, dem wegen Diabetes ein Bein amputiert wird, für den der schlanke Kraft hinter einer mannshohen Lupe fett Modell steht.

Heute ist Nauru übrigens wüst und pleite. Um sich finanziell irgendwie über Wasser zu halten, hat man Flüchtlingslager angelegt. Dort entledigt sich das wohlhabende Australien – das vor Naurus Unabhängigkeit am stärksten vom Phosphatabbau profitierte – für einen kleinen Obolus seiner abgewiesenen Flüchtlinge. Mitten im Stillen Ozean, dort, wo man eigentlich das Paradies vermutet, spielt sich heute eine der zynischsten Tragödien der Welt ab. Shit Island, eben… Ein Theaterabend wie eine Achterbahnfahrt.

„Shit Island“ | R: André Erlen | 31.1.-3.2. 20 Uhr, 4.2. 18 Uhr | Orangerie – Theater im Volksgarten | 0221 952 27 08

Autor

BERNHARD KREBS

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