Du sollst nicht fliegen

Tea Mäkipää, „1 : 1, 2004“, Installationsansicht im Museum Schloss Moyland, Foto: Stiftung Museum Schloss Moyland/Maurice Dorren

Du sollst nicht fliegen

Die finnische Künstlerin Tea Mäkipää im Museum Schloss Moyland

Obwohl man durch den Garten vom Schloss Moyland wandelt, kommt es einem so vor, als sei man in Lewis Carrolls Kaninchenbau gefallen, überall werden Sehgewohnheiten enttarnt, hier ein Friedhof voll merkwürdiger Steine (Recycled, 2011), dort ein ganzes (schiefes) Haus, von dem nur noch die Versorgungsstränge und Telefon stehen geblieben sind (1 : 1, 2004). Im Teich ist „Atlantis“ (mit Halldór Úlfarsson, 2007/2017) wieder aufgetaucht, oder ist es erst versunken? Die finnische Künstlerin Tea Mäkipää verunsichert den Besucher ihrer Ausstellung bereits, wenn der die Räume ihrer Werkschau „Early Harvest“ (Frühernte) eigentlich noch gar nicht betreten hat – doch stimmt das natürlich nicht ganz: Mäkipää hat in Zusammenarbeit mit dem Museum die ganze Fläche installiert. Es geht um Ökologie, klar, aber es geht auch um die Welt an sich, um das künstliche Environment um uns herum, um jeden Einzelnen, der in diesen immer weiter untergehenden natürlichen Lebensbedingungen fristen muss – aber auch will. Am Niederrhein kämpft die zeitgenössische Kunst gleichzeitig auch noch gegen die Neugotik des Wasserschlosses.

Die Ausstellung hat ein separates Gebäude. Am Anfang steht die brandneue Installation als altes Holzfass (the fundamentalist, 2017 mit Joseph Porter Speech) aus dem leise ein Vortrag hallt. Und schon steht man vor den 10 Geboten für das 21. Jahrhundert (2007) mit einem Film über Statements, wie es wohl mal werden wird. Längst hat man den stillen Humor hinter den Arbeiten blitzen sehen, und das sollte auch so sein, bevor man den langen Gang betritt, den links und rechts riesige Bildformate (Fotopanoramen) zwischen Schönheit (world of plenty, 2005/2017) und Realität (years after zero, 2008/2017) säumen, bis man vor einem völlig verbrannten Feuerwehrmann steht (fireman, 2017). Der Kampf um den Planeten scheint noch nicht entschieden. Bis jetzt waren viele Arbeiten der Finnin zu sehen, mit denen sie international bekannt geworden ist, und man muss es doch erwähnen, es ist tatsächlich die erste umfassende Schau in Deutschland.

Gerade noch haben sich die Besucher an „Utopia“ erfreut, das ist ein wachsendes Mitmach-Wandbild. Aus Zeitschriften wird ausgeschnitten, geklebt, gepinnt, es wird wachsen, will gedeihen, schnell noch ein Foto vom besonders schönen (weil eigenen) Bildfund für die Collage, dann steht man auch schon  in der zentralen Arbeit von Tea Mäkipää im Museum Schloss Moyland: die schicke Ladenstraße „Escape Allee“ (2017). Am Ende ein Fenster, das Wahlfenster, ja die Finnin glaubt an Entscheidungsmöglichkeiten – noch. Schick das „Design for a Nuclear Power Station“ und die alte Frau im ein Quadratmeter großen Altenwohnsitz – aber sie hat eine Wärmflasche. Da ist Sodom und Gomorra und die „Global Charity“ nicht mehr weit. Nehmen Sie Platz auf den Bänken zwischen den Parkleuchten und denken sie an Kapitalismus und Genmanipulationen, und wenn sie Angst haben, schellen Sie an der alten staubigen Haustür, denn dahinter leben sie – die Trump, das Erdogan und der Putin – schellen Sie sich die Seele aus dem Körper, sie werden wie immer nicht gehört. Und doch – Moyland ist DER Ausflug des Sommers.

„Tea Mäkipää – Early Harvest“ | bis 19.11. | Museum Schloss Moyland, Bedburg-Hau | 02824 95 10 60

Autor

PETER ORTMANN

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