Du mein Geldgott!

„Bonnopoly“, Foto: Thilo Beu

Du mein Geldgott!

Volker Lösch inszeniert „Bonnopoly“ am Theater Bonn

18 Stimmen! 18 Stimmen! Ein Schock, gefolgt von einer tiefen Depression bricht über eine ganze Stadt herein. Gerade haben die Lemuren der früheren Bundeshauptstadt noch friedlich in ihren holzgetäfelten Büros und Kneipen gedöst. Perücken- und kleidungstechnisch noch tief in den Siebzigern verankert, lungern sie an ihren Tischen herum, als der Wirklichkeitsschock einer demokratischen Abstimmung sie trifft: Berlin wird Hauptstadt, Bonn zur Provinz. Klagen und Zetern kennt kein Ende, bis endlich der Bundespräsident und Schröderblair, die Cheerleader der europäischen Sozialdemokratie, Stadt und Land einen neoliberalen Ruck verordnen. Damit ist „Bonnopoly“ eröffnet: Gehen Sie über Los und streichen Sie einen Investor ein.

Regisseur Volker Lösch hat zusammen mit seinem Autor Ulf Schmidt den Skandal des Bonner Kongresszentrums WCCB dramatisiert, in einer grandiosen Rechercheleistung einen Extrakt herausgepresst aus öffentlich verfügbaren Dokumenten und Gesprächen mit Beteiligten. Herausgekommen ist ein in großen Teilen sehr unterhaltsamer Parforceritt durch die Niederungen einer gigantischen kommunalen Blamage. Nach dem etwas marthalermäßig verzögerten Beginn treibt Lösch sein achtköpfiges Ensemble auf die Vorbühne und lässt es in wilde Investorenhysterie ausbrechen. Die „Oberborgermeisterin“ im roten Kostüm (Laura Sundermann als Bärbel Dieckmann) ruft das „Humankapital zur Mobilmachung“. Die Bürokraten huldigen dem totalen neoliberalen Wettbewerb. Und dann ist er plötzlich da: Der Investor im asiatischen Kimono mit grauer Haarsträhne (Holger Kraft alias Man-Ki Kim) mit seiner Scheinfirma SMI Hyundai, die nicht mit dem Autokonzern zu tun hat. Das Objekt der Begierde ist ein UN-Kongresszentrum mit angeschlossenem Hotel. Jetzt läuft die Inszenierung zur Hochform auf: Eine virtuose revuehafte Choreografie, ein hohes Dialogtempo, kalauernde bis sarkastische Komik breiten die absurden Wendungen des WCCB-Debakels aus. Der Stadtdirektor und die KfZ-Zulasserin als Projektleiter, der Gutachter, der aus dem Internet abschreibt, das groteske Jonglieren mit den „Sicherheiten“, die Selbstübertölpelung der Stadtsparkasse – bis der Finanzierungsorgasmus alle erfasst: „Du mein Geldgott“, ruft die Oberbürgermeisterin in unendlicher Verzückung.

Die Inszenierung setzt dann sogar noch einen drauf. Bernd Braun als Hohepriester Midas mit Goldhelm und -röckchen ruft nun den totalen Markt aus – vulgo: die Unterwerfung der Stadt unter betriebswirtschaftliche Rechnungslegung und die neue Heilslehre der Private-Public-Partnership-Modelle. Dazu bittet er alle Beteiligten in einen neoliberalen Goldfischteich mit betonfarbener Brühe. Nun wird geplantscht und gefeilt um Eigenkapital, Investitionsmittel, Darlehen und Zinsen. Zwei Finanzhaie mit Rückenflosse und Köfferchen (zu Spielbergs legendärem Musikzitat) mischen auch noch mit. Lisan Lantin als Sparkasse verschanzt sich hinter ihrem Mantra: „Wir raten zu äußerster Vorsicht!“ Die „Oberborgermeisterin“ hat sowieso von Anfang an den politischen Airbag aufgepumpt: „Nichts Schriftliches zu mir oder von mir in der Sache.“ Und so schlittert der Abend voll hinreißender Komik und sarkastischem Witz in die Katastrophe, in Untersuchungen und Prozesse.

Wenn das Regie- und Autorenteam es nur dabei belassen hätte! Lösch thematisiert im dritten Teil die Folgen des Desasters, also die Sparpolitik der Stadt in bekannter Manier mit Laienstatements, Choreinlagen und Video-Interviews mit Wirtschaftsweisen, Journalisten und dem Mieterbund Bonn. Immerhin darf Daniel Breitfelder als neuer Oberbürgermeister (alias Jürgen Nimptsch) alle Register wirtschaftsliberaler Indoktrination und forcierten Sozialabbaus ziehen. Lösch und Schmidt nehmen sich vor allem die Bonner Wohnungspolitik vor mit dem Verkauf städtischen Eigentums an Investoren, dem zu geringen Satz an Sozialwohnungen und unzureichendem Neubau. So richtig die Frage „Wem gehört die Stadt?“ sein mag, die Inszenierung verkrampft sich in humorloser Penetranz. Nichtsdestotrotz sehenswert.

„Bonnopoly“ | R: Volker Lösch | 1., 15.10. je 18 Uhr, 29.9., 7., 11., 15., 28.10. je 19.30 Uhr | Theater Bonn | 0228 77 80 08

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

Dieser Artikel erschien auf www.choices.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.choices.de/buehne

0