„Die Zivilgesellschaft kann eine ganz aktive Rolle spielen“

Kathrin Schroeder, Foto: Misereor

„Die Zivilgesellschaft kann eine ganz aktive Rolle spielen“

Misereor-Referentin Kathrin Schroeder über Rohstoff-Abhängigkeiten der Energie-Branche – Thema 10/18 Dezentrale Energien

engels: Frau Schroeder, bei der Abkehr von fossilen Energieträgern war früher Biokraftstoff eines der ersten Stichworte. Heute ist es nicht mehr so positiv besetzt. Warum?
Kathrin Schroeder: Wir finden den Begriff Biokraftstoffe kritisch und sprechen lieber von Agrotreibstoffen. Dann wird auch klar, was wir daran problematisch finden, denn diese werden in Plantagenwirtschaft im globalen Süden angebaut und der hohe Flächenverbrauch verursacht die Vertreibung der lokalen Gemeinschaften, Artensterben und weitere Umweltschäden. Diese Aspekte werden inzwischen von immer mehr Menschen ernst genommen und daher sind Agrotreibstoffe nicht mehr so positiv besetzt.

Das positive Image von Solar- und Windkraft ist weitgehend ungebrochen. Gibt es auch hier versteckte Hypotheken?
Wir vertreten die Auffassung, dass die Energiewende eine Notwendigkeit ist, weil die Emissionen der fossilen Energieträger den Klimawandel verursacht haben und weiterhin verursachen. Darum muss die Energiewende in allen Sektoren kommen, aber unter Einbeziehung von Effizienz, Suffizienz, einem sparsamen Umgang mit Rohstoffen und Wahrung der menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten in der gesamten Lieferkette. Natürlich sind Wind und Sonne unerschöpflich, aber man braucht technische Anlagen um sie zu nutzen, für deren Bau man entsprechende Ressourcen benötigt. Deswegen möchten wir  die Branche der Erneuerbaren an ihre Verantwortung bei der Beschaffung dieser Rohstoffe erinnern.

Welche Rohstoffe werden für Solar- und Windkraftanlagen benötigt? Wohin führen deren Lieferketten?
Da es ja um sehr komplexe Anlagen geht, führen die Verbindungen in alle möglichen Weltregionen. Seltene Erden, wie Molybdän und Selen, spielen etwa eine große Rolle. Diese kommen vor allem aus China. Für metallische Rohstoffe deckt Europa seinen Bedarf vor allem aus Lagerstätten in Lateinamerika: Eisen etwa aus Brasilien, Kupfer aus Peru und Chile, Silber aus Mexiko. Mittlerweile kommt noch Lithium aus Bolivien hinzu, das für den Bau von Batterien für Elektrofahrzeuge benötigt wird. Es ist einfach so, dass im Bergbau immer wieder ähnliche Dinge passieren – dass etwa Großkonzerne zweifelhafte Abkommen mit Regierungen treffen, dass die Rechte der Bevölkerung vor Ort rücksichtslos übergegangen werden, dass Naturschutz keine Rolle spielt.

Lithium wird in relativ wenigen Weltgegenden abgebaut, beispielsweise Bolivien. Macht sich der Ausbau der Elektromobilität dort vor Ort bemerkbar?
Wir merken, dass der Run auf diesen Rohstoff schon da ist. Die Autoindustrie macht sich schon Gedanken, wo sie in Zukunft die benötigten Rohstoffe herbekommen soll. So wird auch Boliviens und Chiles Lithium irgendwann knapp werden. Dieser Run macht die Unternehmen durchaus unruhig

Sind die Vorkommen dieser Rohstoffe umfangreich genug, dass sie die Transformation zu Erneuerbaren Energien tragen könnten?
Viele Rohstoff-Experten sagen dazu, dass das eigentlich kein Problem ist, weil genug da ist. Ich bezweifle das, ehrlich gesagt. Hat schon einmal jemand durchgerechnet, wie hoch der Bedarf ist, wenn die Entwicklungsländer zu den Industrieländern aufschließen und ebenfalls Zugang zu nachhaltiger, moderner, bezahlbarer und verlässlicher Energie bekommen, wie es in der Agenda 2030 eigentlich vereinbart ist? Ich glaube vielmehr, diese Prognosen gehen vom Status Quo aus, dass ein Großteil der Welt von den energetischen Ressourcen und Dienstleistungen abgekoppelt bleiben wird, deswegen sehen sie auch kein Problem mit den Vorkommen. Weiterhin weisen wir darauf hin, dass nicht alle dieser Vorkommen um jeden Preis ausgebeutet werden dürfen, um natürliche Ressourcen und Ökosysteme zu schützen. Tiefsee-Bergbau etwa ist für uns deswegen keine Option.

Gibt es bei den Unternehmen ein Bewusstsein für menschenrechtliche Probleme?
Wir haben eine Studie zu diesem Thema anfertigen lassen, deswegen können wir das nur teilweise bejahen. Manche Unternehmen haben tatsächlich Codizes für die Verantwortung über ihre Lieferketten, aber das ist die Minderheit. Für die meisten gehört so etwas scheinbar eher in den „Nice-to-have“-Bereich. Solange sie nicht gesetzlich verpflichtet sind, verfolgen sie nicht wirklich, ob ihre Lieferanten frei von Makeln sind. Deswegen wollten wir mit unserer Studie „Rohstoffe für die Energiewende“ dafür ein Bewusstsein wecken und sagen: Hey, wir wollen ja, dass ihr wirklich gute Energie erzeugt! Legt bitte noch eine Schippe drauf!

Die Bundesregierung wirbt außerhalb Europas für die Energiewende. Wie geht sie dabei vor?
In vielen Botschaften etwa sind Personen beschäftigt, die die Energiewende promoten sollen: Was macht Deutschland da eigentlich, was hat gut funktioniert, und was eignet sich auch für andere Länder? Daneben gibt es Förderprogramme, etwa Exportunterstützungen für Unternehmen, die biologisch produzieren oder sich der Solarkraft bedienen. Es gibt auch Verträge, die den Außenhandel deutscher Unternehmen zum Ziel haben, wie etwa die Energiepartnerschaft mit Indien. Aber auch die Unterstützung internationaler Organisationen, wie die IRENA, die internationale Agentur für erneuerbare Energien, gehören dazu.

Wie werden diese Aktivitäten außerhalb Europas wahrgenommen?
Das sollten Sie am besten Menschen außerhalb Europas fragen! Aber was wir von unseren Partnerorganisationen hören ist, dass sich in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern ein Bild von Deutschland verfestigt hat, dass wir in Deutschland die Energiewende schon geschafft haben. Das stimmt natürlich so nicht. Es ist meiner Ansicht nach wichtig, immer wieder zu betonen, dass dazu nicht nur der Stromsektor gehört. Und dass im Stromsektor nicht nur der Ausstieg aus der Kohle wichtig ist, sondern auch ein dezentrales Energiesystem, Speichertechnologie, Effizienz und Steuerung von Nachfrage wichtige Bestandteile sind. Vor allem arme Bevölkerungsgruppen leiden weltweit unter steigenden Energiepreisen. Eine Energiewende kann nur erfolgreich sein, wenn sie soziale und ökologische Aspekte zusammen bearbeitet.

Bergen Projekte wie Desertec die Gefahr, zur einer neuen Form des Kolonialismus zu werden? Dort wurde afrikanischer Boden für die europäische Energieversorgung beansprucht.
Desertec ist ja nie wirklich zustande gekommen, aber es wurde damals in Nordafrika durchaus die Frage gestellt, was haben wir eigentlich davon? Die Zivilgesellschaft hat sich so gut aufgestellt, dass in Marokko, wo das große Solarkraftwerk Quarzazate gebaut wurde, die Umgebung des Projektgebietes auch profitiert hat, indem etwa abgelegene Dörfer mit Energie versorgt wurden. Wenn die Perspektive der lokalen Bevölkerung nicht eingebracht worden wäre, hätte das Ganze tatsächlich den Kolonialismus im Gepäck gehabt, aber genau dafür hat die Zivilgesellschaft in Europa und Nordafrika gemeinsam gekämpft.

Wie können Bevormundung und Ausbeutung vermieden werden?
Ich glaube, dass die Zivilgesellschaft eine ganz aktive Rolle spielen kann, weil die Technologie der Erneuerbaren deutlich vielfältiger einsetzbar und skalierbarer ist, als die der fossilen Energieträger. Sie sind eine Chance vor allem für entlegene Gebiete, die etwa mit kleinen Anlagen anfangen können, die nach Bedarf weiter ausgebaut werden können. Das ist ein wichtiges Argument für die Erneuerbaren. Natürlich gibt es Probleme bei der Rohstoffbeschaffung, aber gerade mit Blick auf den Klimawandel kann man diese nicht auf eine Stufe mit Öl und Kohle stellen. Klar muss sein, das die Energiewende nicht bei der Stromerzeugung aufhören darf, sondern die ganze Gesellschaft betrifft: Wirtschaft, Mobilität, Städtebau – all das muss mit einbezogen werden.

Zur Person:
Kathrin Schroeder wuchs im Ruhrgebiet auf und studierte Geographie in Bochum. Sie ist seit Oktober 2014 Referentin für Energiepolitik beim Bischöflichen Hilfswerk Misereor in Aachen.

INTERVIEW:

CHRISTOPHER DRÖGE

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