Die wütende Elfriede

„Wut“, Foto: Thilo Beu

Die wütende Elfriede

„Wut“ im Theater Bonn

Die „Zornbanken“ der Gegenwart, wie Peter Sloterdijk das einmal genannt hat, sind randvoll: terroristischer Islamismus, identitärer Nationalismus, Elitenbashing, Wohnungsnot. Die sozialen Medien fungieren dabei als neue Sammelstellen und Transformationsriemen des Zorns. Es brodelt in der Küche der Affekte und niemand kann diese thymotische Melange besser darstellen als Elfriede Jelinek. Auch wenn Zorn und Wut nicht das gleiche meinen, ihr Stück „Wut“ dreht ausgehend vom Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo alle möglichen Affektentladungen der vergangenen Jahre durch die kalauernde Mangel.

Im Bonn greift die Inszenierung von Sascha Hawemann tief ins französische Fach: Filmszenen aus Jacques Tatis „Die Ferien des Monsieur Hulot“, französische Chansons, fünf bühnenbeherrschende Versalien FUREUR (frz. Wut) und das Massaker an protestierenden Algeriern 1961. Es bleibt zunächst allerdings im Dunkeln, worauf die Interpretation zusteuert. Touristische Badefreuden wechseln mit Terroristen im einem Golf, einer Islamistin in Burka und theaterreflexiven Sottisen. Zum roten Faden wird verblüffenderweise die Autorin selbst. Der graue Pelzmantel und eine Perücke mit der typisch aufschwingenden Haartolle wandert zwischen den fünf Figuren hin und her. Keine Szene ohne Jelinek, ihre Allgegenwart nimmt göttliche Züge an. Szenen ihrer Biografie mit dem abwesenden Vater, der beherrschenden Mutter, die Nobelpreisverleihung, Eifersuchtsattacken, Familienszenen mit einer eisleckenden Elfi begründen die Jelineksche Wut zu einem nicht unerheblichen Teil aus dem Biografischen.

Privat und öffentlich mögen zusammenfallen, persönliche Wut auch immer gesellschaftlich sein, es bleibt trotzdem dahingestellt, inwieweit eine solche Interpretation tragfähig ist. Selbst während des kalauernden Göttertreffens mit dem abwesenden „Mo“ (Mohammed) dreht die Autorin ihre Kreise. Und als am Ende ein Mann seinen hiobschen Zorn in den Himmel schreit, regnet es als göttliche Besänftigung Pelzmäntel für alle: Die Autorin hatte die Besucher begrüßt, fünf Jelineks sorgen schließlich für den Kehraus.

„Wut“ | R: Sascha Hawemann | 2., 9., 13., 21.6. 19.30 Uhr | Theater Bonn | 0228 77 80 08

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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