Die reine Vernunft will immer betrogen sein

„Faust I“, Foto: Klaus Fröhlich

Die reine Vernunft will immer betrogen sein

Pedro Martins Beja inszeniert „Faust I“ in Oberhausen

Er ist seit über 200 Jahren das Stehaufmännchen auf den berühmten Brettern. Aktuell ist das wie nie zuvor: Drogensucht, die ethischen Grenzen der Wissenschaft und frauenfeindliches MöchtegernMachoGehabe. Für das immer Deutsche in Goethes Faust zieht Regisseur Pedro Martins Beja in die tiefe Heimatkunde und inszeniert am Theater Oberhausen keck der Tragödie Erster Teil in Schwarz, Rot und Gold. Fünf Schauspieler und einen gymnasialen Oberstufenchor (vom Bertha-von-Suttner Gymnasium) und knapp drei Stunden braucht er dafür. Eigentlich fehlt nur noch die Berserker-Gitarre, dann hätte Mephisto in Oberhausen sein Outfit komplett gehabt und der kleinen Stadt Wacken alle Ehre erwiesen. Selbst das lustige weiße Tutu konnte diese Vision anfangs nicht verdrängen. „Falsch“, schreit der Heavy-Metal-Mephi, dirigiert den Scheinwerfer, fuck Vorspiel, Prolog im Himmel: Der Alte bietet die bekannte Wette, das Böse nimmt gelangweilt an. So richtig Bock hat Mephisto mit blonder Langhaarperücke (Jürgen Sarkiss) nicht auf den Scheiß.

Aber alle werden die Trümmer ins Nichts hinüber tragen, ohne viele Streichungen. Ein Glatzen-Faust erscheint irgendwo oben auf der Spielfläche. Ein Geländer verhindert seinen Sturz, eine blaue Kinder-Rutsche führt an die Rampe – das Bühnenbild (Janina Audick) ist schon gewöhnungsbedürftig, der Höllenspektakelsperrmüll dreht sich auch, wird zum Background für Livevideobilder, die das Geschehen optisch wie ein Triptychon umrahmen, umgarnen. Entlarven? Das ist jetzt nicht der Einfall letzter Schrei, doch hat die Mixtur schon einen gewissen Reiz, langweilig wird es jedenfalls nie. Faust hastet durch seinen Studierzimmertext, sehr lustig dazwischen Anja Schweitzer als nervige Famulus Wagner-Karikatur. Alle Texte sprudeln, doch eine wichtige Hälfte verschlingt die ständige Bewegung, auch mal ein Vocoder, die Dauerchoreografie – immer neue Bilder sind der Regie und Dramaturgie wichtig, der Flow ist Pedro Martins Beja anscheinend noch wichtiger. Erdgeist. Nacht. Der Teufel lacht, verworren sind die Wege, die der Faust nun macht. Alles bewegt sich wie auf einem Surface für Videospiele. Der alte Wissenschaftler ist mit seinem Latein am Ende, das er im Schierlingsbecher herbeisehnt, da tritt der deutsche Chor herbei: „Christ ist erstanden“ – ein Kreuz leuchtet, und schon lässt Faust den Giftbecher stehen. Deal. Die Überheblichkeit trotzt grinsend dem gewitzten Altrocker.

Zur Person
Pedro Martins Beja (*1978) studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Danach absolvierte er Hospitanzen und nahm die Arbeit als freier Regisseur auf. Mit „Hamlet“ debütierte er 2015 in Oberhausen.,
Foto: Presse

Und schon geht’s los auf dem Hexenberg. Lilith kommt groß raus. Zu Recht. Adams erste Frau. Zu kurz bleibt ihr Einfluss. „Nimm dich in acht vor ihren schönen Haaren.“ Zwei nackte Stammeltern mit Apfel huschen über die Bühne, aus der gymnasialen Oberstufe in den hinteren Rängen unterdrücktes Gepruste. „Das ist am Stadttheater so“, erläutert eine ältere qualifizierte Frauenstimme. Dann ist wieder Ruhe. Auch auf der Bühne. Es war ein König in Thule, intoniert der stimmlich wie optisch großartig agierende Chor, Lisa Wolle im weißen Hemdchen tritt auf. Lilith und Margarete sind verschmolzen. Die Glatze kriegt Motoradhelm und Maske, etwas Mimik-Zeit auf den Videoseitenwänden und ab geht’s in die lustvolle Hölle auf Erden mitten auf der zerfaserten Drehbühne (ich rätsele immer noch, was dieses Ding ganz oben an der Spitze ist). Im Uhrzeigersinn geht es jetzt herum zu mächtigen aufgetürmten Blumen, in nicht zu entdeckende, doch üble Keller. „Ich bin es nicht“, der Chor in Schwarz-Rot-Gold tritt auf. Treu und edel, Deutsche Mädel im Einheitslook. Tomorrow belongs to me.

Der Teufel amüsiert sich mit den kleinen braunen Jünglingen. Moritz Peschke als Valentin wird unfreiwillig zum Sexualobjekt für Blowjob und Snowball. Mephisto nimmt eben was er kriegen kann. Dass der Jüngling dabei „Lieb Vaterland magst ruhig sein“ intoniert, Schwamm drüber, so sind die Deutschen. Die Regie forciert das. Am Anfang ist immer die Tat und Täter, ja, das waren wir schon immer. Faust schmilzt für Grete dahin, die Hexe im Marilyn-Manson-Outfit braut den „Ich kotz gleich“-Verjüngungszaubertrank. Pause. Weit ist man noch nicht gekommen, aber Michael Witte als mieser Doktor Faust hat jetzt Haare, Bart, sieht zwar nicht jünger aus, Imagination fürs Video ist eben alles, und in der Walpurgisnacht für „Kids in America“ (Kim Wilde im Originalsound) kommt das auch besser. Grete wird verführt, Grete wird fallen gelassen, Mephi – jetzt mit Nosferatu-Spindelfingern – hat es ja kommen sehen, eine starke Szene für Lise Wolle im Kerker-Todestrakt. Heinrich, mir graut vor dir. Endlich haben es alle begriffen – der alte Sack. Am Schluss ist sie gerichtet und gerettet, gefilmt fürs letzte Kinderlied. Dann gab‘s in Oberhausen Premieren-Standing-Ovations und ein paar Buhs für die Regie. Irgendwie adelt sowas auch.

„Faust I“ | R: Pedro Martins Beja | Sa 28.1., Mi 1.2., Fr 3.2., Fr 10.2. 19.30 Uhr, Do 2.3. 18 Uhr | Theater Oberhausen | 0208 857 81 84

Autor

PETER ORTMANN

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