Die immerwährende Bürde des kleinen Mannes

„Furcht und Elend des Dritten Reiches“, Foto: Birgit Hupfeld

Die immerwährende Bürde des kleinen Mannes

Sascha Hawemann inszeniert Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ im Megastore

Die Menschheit leidet seit ihres Bestehens an fortgeschrittenem Alzheimer, systematisch werden historische Fakten gebeugt, von Mächten verändert oder umgeschrieben. Ändern wird sich daran nichts, ausbeuterische Klassensysteme werden bis heute geschaffen, die zwangläufig in kriegerischen Unternehmungen enden oder immer noch bestehen. Auch Aufklärung hilft da nicht mehr. Und so beginnt die Inszenierung von Bertolt Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ auch gleich mit einem Zitat des Meisters: „Der Regen von gestern macht uns nicht nass sagen viele“ (von 1952).

Anschaulich und unterhaltsam hat Regisseur Sascha Hawemann ein Annäherung an die üblen Mechanismen versucht, die aus Normalsterblichen erst Wutbürger macht und anschließend zu Opfern ihres eigenen Wahns von scheinbarer Größe. Damit wir keine Rätselrater bleiben.

Und dafür steht der Autor Brecht erst einmal selbst auf der Bühne im DortmunderMegastore, die immer eher einem Fußballfeld gleicht. Aber Deutschland ist eben ein großes Land und der Brecht hat immer noch viel zu sagen, aber auch immer zu erklären. Episches Theater, das Modell derVerfremdung, politisches Theater, seine Pädagogik. Ja klar, Bertolt. Uwe Schmieder hat ihn sich angezogen, mächtig geschminkt, maskiert, Schmieder gekonnt mit Brille und dauerhaft brennender Zigarre, ein Tausendsassa, der im Laufe des Abend immer weiter in den Hintergrund tritt – seine Ideen bleiben. SA marschiert dafür mit festem Tritt ins weiche Rückgrat des Deutschen Volkes. Nochmal. SA marschiert dafür mit festem Tritt ins weiche Rückgrat des Deutschen Volkes. Nochmal. SA marschiert dafür mit festem Tritt ins weiche Rückgrat des Deutschen Volkes. Das nennt Brecht „Die Wiederholung wichtiger Fakten“ und dient als Stilmittel auf politischen Bühnen und damit sich auch Wutbürger das merken können.Hawemann nutzt das auch bei seiner Auswahl aus den ursprünglich 24 Szenen (insgesamt sind heute sogar 30 bekannt) des Stücks (uraufgeführt 1945 im Exil in den USA).

ZUR PERSON
Sascha Hawemann
(*1967) wuchs in der DDR
und Jugoslawien auf.
Nach dem Germanistikstudium
studierte er
Regie an der Hochschule
für Schauspielkunst
„Ernst Busch“ in Berlin.
Ab 1995 etablierte er
sich zunächst in
Ostdeutschland
als Regisseur. Foto: Theater Dortmund

Und alles begab sich zu der Zeit, da Arbeiter keine Arbeit hatten, dafür aber große Not. Diesen Zustand haben wir in Deutschland zwar heute nicht gerade, aber die Regie nutzt Utensilien, um die Zeitangaben ein wenig zu verwischen, Bühnenbild, Kostüme und Requisiten stimmen selten mit der Zeit überein, in dem die Szenen spielen. Diese leise Verwirrung gibt der Dramaturgie der Stückchen den letzten Schliff. So rennt SS-Mann Theo (sehr böse, sehr lustig: Frank Genser) im Adidas-Outfit mit goldenen Tretern hinter dem einfachen Dienstmädchen her (durchweg großartig: Bettina Lieder), später heiraten sie zu Erschießungs-Orgien, die das kaum bekannte Massaker von Babi-Jar in der Ukraine erinnern (29. September 1941). Aber die beiden halten die oft in solchen Inszenierungen aufgesetzte Betroffenheit von den Texten fern, sie lassen schmunzeln, wo man gar nicht will, sie lassen nachdenken, wo man dachte, es wäre alles schon gedacht. Denkste. UiUiUi: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Das könnte die Botschaft des Abends sein, „denn im hintersten Pommern ist es heute nicht gemütlich“. Dass mit diesem Satz auch das braune Jarmen an der polnischen Grenze in Mecklenburg-Vorpommern gemeint sein könnte, zeigt wie fein die Inszenierung für aufmerksame das Gestern und Heute verwoben hat. Niezynisch, aber bitterböse. „Theater kann auch unterhalten“, sagt Schmieder-Brecht, der für die Sache auch mal weiße Schürze und Kochmütze tragen muss (wollte ja sonst niemand), während der Richter (Andreas Beck) um seine Reputation kämpft und die Frau (Friederike Tiefenbacher) um ihr Überleben. Auch diese beiden Rollen sind sehr körperlich (dazu großartig besetzt) und machen auch so die nicht gerade einfache Choreografie auf der Megastore-Fläche, auf der selbst die Räume umherwandern, möglich.

Während Ilse Werner also im Video dazu lächelt, stürmt nun das syrische Kind (Raafat Daboul) der Eltern (Merle Wasmuth und Carlos Lobo), die den Nachbarn der Gestapo überließen, an die Rampenmauer aus gepackten Koffern und zieht die sterbende Stadt Aleppo ins Scheinwerferlicht. Ob das notwendig war, kann man diskutieren, doch wenn man ehrlich ist, Despoten benahmen sich zu allen Zeiten gleich: Das fortgeschrittene Alzheimer hatten wir ja bereits, also finden wir es mit Brechtscher Logik gut und richtig, und das ist es auch. Denn auch heute wird der Point of no return oft überschritten: „Wir sind zu weit gefahren, um je die Heimat wiederzusehen“, sagt der Panzerfahrer in Syrien. Im den dunklen Zeiten Deutschlands hieß das Weihnachten feiern zu Kriegsgetöse, und das war es dann auch.Sascha Hawemann zitiert noch Goethes Mephisto auf die Fläche, während sich Uwe Schmieder aus dem Bertolt schält. Man kann nur hoffen, mit Brecht vielleicht eine schwarze Seele im Publikum erreicht zu haben.

„Furcht und Elend des Dritten Reiches“ | Sa 14.1., Do 19.1. 19.30 Uhr, So 5.2. 18 Uhr | Theater Dortmund: Megastore | 0231 502 72 22

Autor

PETER ORTMANN

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