Die ganze Welt ist Provinz

Hejo Emons Foto: Britta Schmitz

Die ganze Welt ist Provinz

Der Kölner Verleger Hejo Emons

Vor 35 Jahren startete eine der größten Erfolgsgeschichten der deutschen Verlagslandschaft. „Tödlicher Klüngel“ hieß der erste Köln-Krimi des Emons Verlags, Autor war Christoph Gottwald. Das Konzept, Kriminalromane nicht in einem urbanen Niemandsland zu verorten, sondern sie bewusst mit den Aromen der Provinz auszustatten, traf den Nerv der Zeit. Nicht nur Verlagshäuser zogen nach, auch das Fernsehen setzt massiv auf Regionalbezug. Inzwischen gibt es eine Deutschlandkarte, auf der fast jede Provinz mit Autoren vertreten ist. Auf die Frage, ob er nun in Flensburg oder Oberstdorf mehr Krimis verkauft, antwortet Hejo Emons mit dem Hinweis, dass München, Frankfurt und Berlin nicht so laufen, wie sie könnten. Woran liegt das? In den Großstädten gibt es ein umfangreiches kulturelles Angebot, auf dem Lande sieht das anders aus. „Dort haben die Menschen den Eindruck, dass diese Literatur sie etwas angeht. Wenn ein Autor aus ihrer Region eine Lesung gibt, kommt das einem kulturellen Ereignis gleich. Das Schöne an den regionalen Krimis ist, dass sie auch von jenem Publikum gelesen werden, das nicht jeden Tag ein Buch kauft“, erklärt der 67-jährige Verleger.

„Es gibt Verlage, die machen erst Programm und schauen dann, wie sie die Käufer dazu finden. Wir machen es umgekehrt“, sagt Emons. Deutschland war ihm deshalb bald zu klein. Kriminalromane von den Besten ihrer Zunft, wie Friedrich Ani oder Andreas Pflüger, lässt er übersetzen, um sie unter dem Label Emons Italia – dem inzwischen größten Hörbuchverlag Italiens – zu verkaufen. Spannungsliteratur ist jedoch nicht das einzige Zugpferd des Verlags. Hejo Emons, für den Köln vielleicht der Nabel der Welt ist, der aber sehr wohl weiß, dass es da draußen noch etwas anderes als die Domspitzen gibt, bietet mit den „111 Orten“, die man in einer Stadt besucht haben sollte, eine originelle Reihe für Reiseliteratur. In Liverpool – ja, Liverpool – hat sich die dortige Ausgabe alleine 16.000 Mal verkauft. In Kalifornien und Florida führt der Emons Verlag die Verkaufslisten von Amazon an.

Deutschland ist anders gestrickt, „hier ist der Markt unglaublich lebendig, hier werden die schönsten Bücher gemacht und es entstehen auch ständig neue Verlage. Das ist toll und nur möglich, weil wir eine Buchpreisbindung haben“, meint Emons. Auch wenn alle Verlage mit der Tatsache zu kämpfen haben, dass die Verkaufsstellen weniger werden und die Branchenriesen schon in die Supermärkte drängen, stellt Köln, „eine Stadt die noch wunderbare Buchhandlungen besitzt“, eine Ausnahme dar. Hier wanderte der Verlag vom idyllischen Souterrain der Lütticher Straße hinüber ins Auktionshaus Lempertz, durch dessen große Fenster man auf den Neumarkt blickt. Visuelle Reize lassen Hejo Emons mitunter schwach werden, so dass er sich auch einmal erlaubt eines jener Bücher zu machen, „das einen bis ins Hätzekühlche berührt“, wie er gesteht. Dort drinnen, tief in den Herzkammern, muss wohl auch der Fotoband „Koks und Cola“ geboren worden sein, der das Ruhrgebiet der fünfziger Jahren zeigt. Mit seiner Begeisterung für die Fotografie wird möglicherweise auch jener Fotoband mit unveröffentlichten Aufnahmen von Marilyn Monroe eine Chance bekommen, an dessen Realisierung Hejo Emons derzeit noch zweifelnde Überlegungen anstellt.

Autor

THOMAS LINDEN

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