Die Erde dreht sich immer nach Osten

Blutrot leuchtet das Lustschloss vor dem Untergang, Foto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz

Die Erde dreht sich immer nach Osten

Johan Simons inszeniert in Bochum „Die Jüdin von Toledo“

Das Stück beginnt mit einer Sirene, die eine Katastrophe ankündigt, es endet mit einem Blick in eine völlig zerstörte Stadt. Dazwischen liegt Krieg, nichts als Krieg. Zwischen Menschen, zwischen Völkern, zwischen Weltanschauungen – und egal in welche Richtung man auch schaut, Zweifel, Zwietracht, Intrigen, nur Macht verspricht scheinbar Ruhm, dem sich alles unterordnen muss.

Zur Person
Johan Simons, geboren in Heerjansdam (NL), absolvierte eine Ausbildung zum Tänzer und Schauspieler. 1976 wurde er Direktor und Schauspieler der Haagsche Comedie, später gründete er zusammen mit Paul Koek die Theatergroep Hollandia. Von 2010 bis 2015 leitete er die Münchner Kammerspiele, während dessen Königin Máxima ihm den Prinz-Bernhard-Kulturfonds-Preis verlieh. 2015 bis 2017 war er Intendant der Ruhrtriennale – nun im Schauspielhaus Bochum. Foto: Brüggeman Holtgreve Kruse

Johan Simons inszeniert in Bochum Lion Feuchtwangers „Jüdin von Toledo“ auf einer Bühne mit andauernder Erdrotation, auf der Achse hängt eine weiße Styroporwand aus Blöcken, mit deren Größe wohl auch die Klagemauer in Jerusalem gebaut sein könnte (Bühnenbild: Johannes Schütz). Um diese Wand herum verspielen die Protagonisten ihre Leben, dreht sich die weiße Fläche, wechseln Bilder, Orte, Gegebenheiten. Was eher chic als Auseinandersetzung des Glaubens um den einzigen Monotheismus beginnt, bleibt eigentlich ein Streit um Macht, um Ehre um falsch verstandenes Rittertum und es bleibt ein Kampf um Liebe, die wie Feuchtwanger beschreibt, mehr „Honiglecken an Dornen“ denn Erfüllung ist.

Aber so weit ist es ja noch nicht, wenn der jüdische Kaufmann Jehuda Ibn Esra (Pierre Bokma) als Wirtschaftsfachmann in die Dienste des jungen Königs von Kastilien tritt. Erfolgreich ist er dies bereits im Süden der spanischen Halbinsel beim Emir von Sevilla gewesen, jetzt soll er die christliche Staatskasse füllen, denn Alfonso VIII. (Ulvi Erkin Teke) will auch beim europäischen Kriegsspiel mitmachen. Der nächste Kreuzzug kommt bestimmt, und nur so kann man im 12. Jahrhundert ritterliche Aufmerksamkeit und Anerkennung ernten. Doch wer Sturm säht …, kennen wir ja, bei Feuchtwanger heißt das: „Eine Unze Frieden ist besser als eine Tonne Sieg.“ Also bekommt der blutrünstige Monarch eine zweite Chance. Jehuda reformiert die Wirtschaft und hat ein Töchterlein, die kluge, schicke, selbstbewusste Schöne Raquel (Hanna Hilsdorf): beide – Ritter und Jüdin – sofort verliebt, gegen alle Mahnungen und negativer Perspektiven. Der Teufelskreis dreht sich, die Mauer wird ein Lustschloss, ein Kind wird geboren. Doch der Papst will jetzt endlich wieder die Grabeskirche zurück und die Königin ihren Gatten.

Simons inszeniert quasi in einer Kunst-Installation. Seine Personen kreisen um ihre Geschichte, die Schnittmengen sind kurze Begegnungen, kaum Zeit etwas zu verhandeln, die Aktualität drängt sich vehement ins Verstehen der einzelnen Handlungsstränge und in das Wissen, wer am Ende die Niederlagen bezahlen muss. Dass sich in den Niedergang auch die Echtzeit-Geräusche der Königsallee einschleichen, schafft einerseits Nähe fürs Publikum, aber auch einen letzten Bruch in der Abstraktion der Performance, die Rollen und Erzähler und Kommentatoren (Gina Haller) wechselt, die mit englischen Übertiteln arbeitet und mit einem spielexakten internationalen Ensemble. Die Mauer wird symbolisch für den Kopulations-Orgien-Kriegsakt zerschlagen.

Foto: Jörg Brüggemann / OstkreuzFoto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz

Alfonso hat natürlich gegen die Mauren bei Arroyos verloren, ihm bleibt am Ende nichts mehr, seine Gattin (Anna Drexler) hat daheim die Zügel übernommen und sich der jüdischen Nebenbuhlerin nebst Vater entledigt. Der Sohn überlebt, wird aber unauffindbar bleiben. Da kann die heilige Bochumer Bühnenmechanik hinfahren, wohin sie will.

„Die Jüdin von Toledo“ | R: Johan Simons | Fr 14.12. 19.30 Uhr, Mi 26.12. 19 Uhr | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55

Autor

PETER ORTMANN

Dieser Artikel erschien auf www.trailer-ruhr.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.trailer-ruhr.de/buehne

0