„Deutschland ist ein religiös fundamentalistischer Staat“

Bald vergessen? Foto: Benni Klemann

„Deutschland ist ein religiös fundamentalistischer Staat“

Martin Budich von „Religionsfrei im Revier“ über das Verhältnis von Kirche, Staat und Atheismus – Thema 12/15

trailer: Sie sind Mitglied der Initiative „Religionsfrei im Revier“ mit Sitz in Bochum. Wofür steht diese Initiative?

Martin Budich: In unserer Gesellschaft sind kirchliche Gruppen gut verankert. Die Kirchen haben großen gesellschaftlichen Einfluss, betreiben Lobbyarbeit und werden vom Staat subventioniert. Dagegen werden konfessionsfreie Menschen in vielen Bereichen benachteiligt. Das ist ein Gebiet, in dem man politisch aktiv werden soll. Unsere Mitglieder haben ein weites Spektrum an Motivationen, ich selbst setze mich mit dem Thema Macht der Kirchen im Staat auseinander. Auf die Kirchen kann ich als Bürger nicht viel Einfluss haben, aber auf den Staat.

Martin Budich (65) ist Mitglied der Initiative „Religionsfrei im Revier“ und beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Verhältnis zwischen Kirche und Staat und den Kirchen-privilegien. Foto: Privat

Wie groß ist der Einfluss der Kirchen auf den Staat heute noch?

Wenn man es von außen betrachtet, dann könnte man sagen, Deutschland ist ein religiös fundamentalistischer Staat. Es ist ziemlich einmalig, dass der Staat Mitgliedsbeiträge für Religionsgemeinschaften einsammelt. In NRW sind 33 Prozent der staatlichen Grundschulen Konfessionsschulen. Kirchen haben eine Fülle von Privilegien, zum Beispiel sind Kirchen Körperschaften öffentlichen Rechts, die Militärseelsorge wird vom Staat bezahlt. Der Staat schreibt den Menschen vor, dass sie sich an religiöse Normen halten müssen, wie im Feiertagsgesetz. Die kirchlichen Sozialenrichtungen werden vom Staat finanziert und die Kirche darf Berufsverbote für alle Nichtchristen aussprechen. Man kann nicht einfach aus der Kirche austreten, sondern muss zum Amtsgericht und dafür auch noch eine Gebühr bezahlen. Sowas wäre in anderen Ländern undenkbar. Die Aufklärung ist in Deutschland an einem bestimmten Punkt stehen geblieben.

Glauben Sie, dass religiöser Glaube veraltet ist?

Ich denke es gibt immer Menschen, die nach Erklärungen suchen. Wenn Leute nichts von Aufklärung und Rationalität mitkriegen, nicht genug informiert sind, ist Glaube sicherlich ein wichtiger Halt im Leben. Der Mensch sucht nach Autoritäten außerhalb sich selbst, um Stabilität zu gewinnen. Ich kenne Viele, die mit ihrem Glauben glücklich sind. Das würde ich nicht in Frage stellen. Vielleicht ist Glaube einfach nicht mehr ganz zeitgemäß.

Glauben Sie, dass biblische Grundsätze, wie beispielsweise die zehn Gebote, irgendwann zu Normen geworden sind und auch heute noch eine Rolle spielen?

Ich hoffe nicht. Das erste Gebot ist das der Nichttoleranz und darüber sind wir wohl hinaus. Wie jede Gesellschaft hat die damalige ihre Normen verschriftlicht. Ein kluger Mensch hat dann festgelegt, dass diese Normen von Gott gegeben sind. Damit wurden sie unanfechtbar. Ein Teil dieser Normen sind in allen Kulturen durchgesetzt, nicht zu töten, nicht zu stehlen, etc. Andere Gebote werden heute angepasst. Oft wird mir gesagt, dass Religion ja durchaus positive Werte hat, wie beispielsweise Nächstenliebe. Damit hat die Religion aber nichts besonderes, im nichtreligiösen Sinne beschreibt es einfach das Prinzip der Solidarität. So sind also die Gebote auf den damalig herrschenden Normen gewachsen und nicht umgekehrt.

Kann man tatsächlich nicht glauben? Ist eine Form von Glauben nicht immer im Menschen verankert?

Ich denke oft darüber nach an was ich glaube. Jedem Menschen werden in der Sozialisation Werte vermittelt, zum Beispiel Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit. Daran halte ich mich und das bestimmt mein Leben und Denken. Dieser Prozess läuft aber unbewusst und nicht aktiv ab. Aber, und das ist wichtig, ich kann diese Normen und Werte auch infrage stellen. Glaube ist dagegen für mich etwas, woran man sich bewusst orientiert und das man aktiv lebt. Wer an Gott glaubt, trifft die bewusste Entscheidung, betet, geht zum Gottesdienst, unterwirft sich einer Autorität etc. Und Gott ist für einen Gläubigen nicht infrage zu stellen. Von daher denke ich, dass man durchaus nicht glauben kann.

Es gibt den Begriff der „metaphysischen Obdachlosigkeit“ und den Einwand der Kirchen, dass eben diese zu einer Orientierungslosigkeit des Menschen führen kann. Wie denken Sie darüber?

Religion ist das Gegenteil von Selbstbestimmung. Für Kirchen, Sekten etc, ist das natürlich das schlimmste Szenario, wenn Menschen ohne eine Autorität außerhalb sich selbst zurechtkommen können. Dass man auch ohne Glauben zu einem wunderbaren Menschen werden kann. Ich habe viele Kirchenvertreter getroffen, und die meisten können sich einfach nicht vorstellen, dass ich einfach ohne einen Glauben leben möchte. Sie sehen nichtgläubige Menschen oft als defizitär: Das herrschende Diktum ist, dass Atheismus häufig mit einem Defizit verbunden wird, ich spreche daher auch nicht von „konfessionslos“ sondern von „konfessionsfrei“. Für mich bedeutet dieser Unterschied, dass mir nichts fehlt, sondern ich mich von etwas befreit habe. Die metaphysische Obdachlosigkeit ist ebenfalls ein negativer Begriff, der einfach das Nichtverständnis der Kirchen beschreibt, dass ein Mensch selbstbestimmt und frei von religiöser Autorität gut leben kann.

Autor

NINA RYSCHAWY

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