„Den Marktmechanismus bewusst unterbrechen“

Nora Szech, Foto: Andreas Reeg

„Den Marktmechanismus bewusst unterbrechen“

Ökonomin Nora Szech über fair gehandelte Produkte und seriöse Siegel – Thema 08/18 Fair Handeln

engels: Frau Szech, worauf zielt fairer Handel ab?
Nora Szech: Generell liegt der Fokus darauf, den Erzeugern ein sicheres, wirtschaftlich stabileres Leben zu ermöglichen. Es geht dabei um Produkte, deren Erzeugung oft unter härtesten Bedingungen erfolgt. Das bedeutet, es gibt keine Sicherheit am Arbeitsplatz, die Familien leben unter schwersten Bedingungen, sind oft in schlechtem gesundheitlichen Zustand und haben kaum Zugang zu Bildung. Ihnen sicherere Arbeitsbedingungen zu ermöglichen, eine Produktion mit weniger Chemie oder den Kindern einen gewissen Zugang zu Bildung, sind ganz gängige Ziele, die mit Fair Trade verfolgt werden. Die Gewichtung ist da, je nach Siegel, etwas unterschiedlich.

Welchem Siegel können wir trauen?
Man muss als Konsument wirklich ein bisschen hingucken. Es gibt sicherlich Siegel, denen man mehr Vertrauen schenken kann als anderen. Das wohl bekannteste Siegel im Bereich Fair Trade ist das mit dem Menschen in der Mitte, dieses grün-blau-schwarze Fair Trade Siegel. Es wird von Zertifizierungsstellen regelmäßig geprüft. Wenn das auf der Verpackung ist, kann man als Konsument recht sicher sein, dass die Standards eingehalten werden. Im Kleidungsbereich – einem Sektor, in dem auch oft unter sehr harten Bedingungen produziert wird – hat sich mittlerweile das Siegel der Fair Wear Foundation ganz gut etabliert. Das erkennt man an einem roten Kleiderbügel plus dem Namen der Foundation. Dabei handelt es sich um eine Organisation, die im Bereich Kleidung versucht, darauf zu achten, dass gewisse soziale Mindeststandards und auch Sicherheitsstandards bei der Arbeit garantiert werden.

Seit Langem kennen wir Kaffee und Kakao aus fairem Handel, und die Produktpalette ist stetig gewachsen. Warum?
Das Interesse beim Konsumenten wächst, fair gehandelte Produkte einzukaufen. Das sehen wir an den Daten. Was es zudem begünstigt, zuzugreifen, ist, dass die meisten Produkte mittlerweile auch im Supermarkt verfügbar sind. Man muss also nicht extra in den Eine-Welt-Laden gehen, um Fair Trade Produkte zu bekommen.

Ist das erstrebenswert, in jedem Supermarkt inzwischen fair Gehandeltes zu finden?
Ich denke, dass das Anbieten in den Supermärkten sehr geholfen hat, Fair Trade Produkte attraktiver zu machen. Es ist einfach nicht mehr so umständlich, sich für Fair Trade zu entscheiden. Wenn ich in dem Moment, indem ich zur Schokolade greife, direkt daneben das Produkt aus fairem Handel sehe, dann ist das vielleicht genau der richtige Moment, um noch einmal auf die Arbeitsbedingungen hinzuweisen, unter denen Schokolade entsteht. Und ich glaube, genau deswegen greifen jetzt auch mehr Leute zur Fair Trade Schokolade.

Hat es Preis-Nachteile, zum Beispiel angesichts der weltweit steigenden Nachfrage für Fair Trade?
Aus meiner Sicht ist das ein nicht so gewichtiger Punkt. Es geht hier um Märkte, bei denen viele Menschen den Eindruck haben, sie funktionieren schlecht und liefern kein faires Preisergebnis. Dass auf dem freien Markt teils unfassbar niedrige Preise herrschen, kommt nur dadurch zustande, dass Kinder zu Kinderarbeit gezwungen und den Menschen sehr harte, gefährliche Bedingungen zugemutet werden. Sie werden in ihrer Armut und Notlage praktisch ausgenutzt. Die Idee hinter Fair Trade ist ja, dass man in genau diesen Sektoren versucht, den Marktmechanismus an dieser Stelle bewusst zu unterbrechen. Ich denke, es ist der Anspruch von Fair Trade, etwas mehr dafür zu sorgen, dass es zu Preisen kommt, von denen Menschen etwas besser leben können. Es geht wirklich um – aus unserer Perspektive – sehr niedrige Mindeststandards. Das Ziel ist also nicht, dass Kleinbauern unter Luxuskonditionen leben, sondern, ihnen das Notwendigste zu garantieren. Studien zeigen auch, dass sich durch Fair Trade das Leben dieser Menschen generell verbessert, aber es ist immer noch so, dass sie, objektiv gesehen, auf einem sehr geringen sozio-ökonomischen Level leben.

Sie plädieren für eine rigorosere Reglementierung?
Absolut. Gerade auch im Kleidungssektor finden sich oft so schwierige Bedingungen, in die die Produzierenden gebracht werden. Sobald Großkonzerne kommen, die die Bedingungen noch immer weiter absenken, wird es immer schwieriger. Dadurch entstehen Abhängigkeitsverhältnisse, und die Sicherheitsstandards sind mitunter verheerend. Der Markt allein wird das nicht mehr aufbrechen. Wenn sich die Preise so niedrig etablieren, dann ist das die Situation, in der die Leute gefangen sind.

Welche kritischen Stimmen gibt es zu Fair Trade?
Eine kritische Frage, die häufiger gegenüber Fair Trade geäußert wurde, ist, warum man gezielt Kleinbetriebe unterstützen würde; man könne ja auch Großbetriebe unterstützen. Ebenso geäußert wurde die Frage, warum man auf nachhaltige Produktion setze; man könne doch mit mehr Chemie kostengünstiger produzieren. Der Grund, warum das nicht gemacht wird, ist, dass das wieder Effekte auf die Arbeitssicherheit und die Umwelt hätte. Da würde ich gern darauf hinweisen, dass in unseren Breiten viele Leute nachhaltige Produktion befürworten. Das ist aber auch mit einer der Punkte, die Fair Trade Produkte teurer macht. Die Idee bei Fair Trade ist natürlich auch, dass die Familien in den Anbauländern eine gewisse Unabhängigkeit behalten und die lokalen Strukturen gestärkt werden. Dass das helfen kann, belegen Studien ebenfalls. Fair Trade erleichtert es den Familien, Kredite zu bekommen und sich ein stabileres Leben aufzubauen. Natürlich wäre noch mehr Forschung in der Richtung wünschenswert.

Vor welchen Herausforderungen steht der faire Handel?
Ich denke, das ist ein Schritt, der in vielen Ländern bereits diskutiert wird und die Intensität der Diskussion wird stärker und stärker. Vor dem Hintergrund kann man sich natürlich fragen, kann man es allein den Konsumenten überlassen, zu entscheiden, wie sie einkaufen möchten? Oder brauchen wir weitere Maßnahmen? Es wäre auch denkbar, dass Produkte, bei denen der Anbieter nicht nachweisen kann, dass Kinderarbeit ausgeschlossen war, in Deutschland gar nicht mehr auf den Markt kommen. Mein Eindruck ist, dass innerhalb der Gesellschaft immer mehr über diese Themen diskutiert wird und der Wille da ist, stärker in so eine Richtung zu gehen. Wir sehen das auch bei Produkten aus der Landwirtschaft, bei denen Tiere in der Produktion involviert sind. Auch da werden mehr Forderungen nach Mindestkriterien laut wie eine solche Produktion vonstatten gehen kann.

Hat der faire Handel bislang wirklich Vorteile für die Menschen in den Anbauländern? Stichwort Zertifizierungskosten.
Es stimmt, dass die Zertifizierungskosten immer wieder angesprochen werden. Das ist natürlich ein wichtiger Punkt. Doch man muss auch sehen, dass mit der Zertifizierung Kontrolle einhergeht, und ohne Kontrolle funktioniert das System nicht. Gerade Label, die nie kontrollieren, sind oft diejenigen, denen man nicht so viel Vertrauen schenken sollte. Denn allein mit Lippenbekenntnissen wird sich nichts an den Herstellungsbedingungen ändern. Bekannte Label setzen auf Kontrolle.

Was erwarten Sie von der Politik? Beispielsweise sprach sich Entwicklungsminister Gerd Müller dafür aus, fair gehandelten Kaffee von der Kaffeesteuer zu befreien.
Mein Eindruck ist, der Druck der Konsumenten steigt. Gerade Kaffee ist ein Genussmittel geworden, für das viele Leute bereit sind, sehr viel Geld zu bezahlen. Das hat sich über die Jahre sehr verändert. Latte Macchiato und Cappuccino sind zu Luxusgütern geworden, die sich fast jeder gerne mal gönnt. Da steigt auch der Anspruch an die Herstellungsbedingungen. Und man kann sehen, die Anbieter reagieren und bieten vermehrt Fair Trade Kaffee an.Ob Fair Trade Produkte, zum Beispiel im Bereich Kaffee, von der Genussmittelsteuer befreit werden oder ob es eine unterschiedliche Besteuerung geben sollte, je nachdem, wie das Produkt hergestellt worden ist, kann man debattieren. Das kann vielleicht ein zusätzlicher Preisanreiz in Richtung der Konsumenten sein. Doch, wenn wir innerhalb der Gesellschaft feststellen, dass wir gewisse Mindeststandards haben und Kinderarbeit damit ausschließen wollen, dann müssten wir tatsächlich darüber nachdenken, bei allen Produkten darauf zu achten, dass diese Standards auch garantiert werden.

Zur Person:
Nora Szech (38) ist Professorin für politische Ökonomie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Sie beschäftigt sich mit der Gestaltung von Märkten, auch mit Blick auf moralisches Verhalten.

INTERVIEW:

NINA HENSCH

Dieser Artikel erschien auf www.engels-kultur.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.engels-kultur.de/thema

0