Das rituelle Begräbnis von Visionen

Bilder von schlicht designter Schönheit: Henriette Hölzel und Chor, Foto: Martin Kaufhold

Das rituelle Begräbnis von Visionen

„Proletenpassion“ zum Ende des Bergbaus in Essen

„This is the end / Beautiful friend / This is the end / My only friend, the end“ (The Doors). Wenn zum wiederholten Male das Crescendo der Instrumente wie ein buddhistisches Reinigungsritual über die Zuschauer einbricht, dann weiß auch der Letzte, dass dies ein sehr schmerzhafter Abend wird. Einer sei dem andern gleich. Das wird nie werden, und so klammere ich mich erst einmal an ein nostalgisches rotes Parteiprogramm, das vor den Toren des Essener Schauspielhauses verteilt wurde, und dann schaue ich wieder auf die leere Bühne, wo die tausend Tode des Orpheus zelebriert werden sollen und ein Meer von schwarzgekleideten Trauergästen die „Proletenpassion“ von Heinz R. Unger und den „Schmetterlingen“ auf die historischen Bretter zwingen. Mitte der 1970er waren das einmal drei Langspielplatten – welches Arbeiterkind hatte schon Geld, um zu den Wiener Festwochen zu reisen – und selbst das Vinyl war damals unerschwinglich. Revolutions-Optimismus nennt man das Opus von damals wohl heute. In Zeiten, wo der Turbokapitalismus die Welt dank Rheinmetall und Kohorten immer mehr in schmiedeeisernen Fäusten hält, ist das der immer gleiche Versuch der Reaktion, die letzte Niederlage auch noch lächerlich zu machen.

ZUR PERSON:
Bernd Freytag (*1965) ist Autor, Chorleiter und Regisseur. Mark Polscher (*1961 in Dortmund) hat seit 1990 über 90 Theater-, Ballett- und Filmmusiken komponiert. Nach Elfriede Jelineks „Wolken.Heim.“ inszenie- ren sie zum zweiten Mal gemeinsam am Schauspiel Essen. Foto: Goesseln / CC BY-SA 4.0 (Ausschnitt)

In diese Klasse reihen sich Bernd Freytag und Mark Polscher natürlich nicht ein. Sie konstruieren ein historisches Spektakel, quasi revolutionäres Verhalten zum Anfassen und immer mit einer Spur Kohlenstaub in den Lungen: Ich bin das Tor und du musst da durch. Im Ruhrpott ging es in den Käfig und dann den Schacht abwärts. Die Losung „Brüder zur Sonne“ führte zwar ins Licht, blöderweise aber nie in die wirkliche Freiheit. Am Anfang heißt es im Oratorium deshalb auch gleich zwingend und notwendig: „Den Reichtum, den wir schaffen, macht die Reichen reich.“ Und natürlich beugten die Pfaffen von Anfang an dafür sogar das Evangelium. Mit Hilde Knef konnte man noch schnell denken: „Von da an ging´s bergab“, und los polterte die Geschichtsstunde, die die Leidensgeschichte der Arbeiterklasse historisch aufblätterte und ihre dissonanten Verwerfungen auch ebenso vertonte. Die Laienschar dort auf der Bühne hatte zwar die Instrumente, aber spielen konnte sie die nicht. Mit den wichtigen Produktionsmitteln verhielt es sich über die Jahrzehnte wohl ebenso, obwohl das die Polit-Romantiker dort vor dem Essener Grillo in ihrem Bochumer Programm immer noch nicht wahrhaben wollen. Der blinkende Esel auf der Bühne, nein, ich schweife endgültig ab.

Auf der Bühne wird sich solidarisiert, gerottet und die rote Fahne geschwungen. Dazu ein bisschen Flageolett und falsche Singtöne, eine Kanone rollt auf die Bühne. Ja wo die in Essen wohl herkommt? Niemand ist das Licht, wenn diese Mordinstrumente knallen, niemand entkommt der Dunkelheit, wenn das Schlachten vorbei ist. Freytag und Polscher finden in Essen Bilder von schlicht designter Schönheit, und obwohl die Geschichtsschreibung der Herrschenden immer weiter kritzelt, setzt die Regie dem das choreografisch Serielle entgegen. Kampf ums Überleben bis in die Neuzeit – nicht viel hat sich geändert seit monarchischen Tagen, auch die Guillotine hat die Marktplätze längst verloren. Der einfache Mensch wird schnell zu Grabe getragen, insofern gaukeln die Bilder schon eine fiktive Schönheit des Widerständischen vor. Klar, anders als das Kollektiv und die fünf Schauspieler hätte Harald Lesch den Zeitstrahl zwischen Bauernkriegen, französischer Revolution und Faschismus in 45 Minuten erklärt, aber die weiße Tür ins Nirgendwo dreht sich dafür eben live und die Vision des Individuums wäre nicht so prickelnd in kollektiver Ratlosigkeit zerflossen. Dieser Trick der Vereinzelung hält den Ausbeuterladen heute am Leben, der den Schock der französischen Revolution nie verwunden hat. Am Schluss wissen viele nicht, ob sie jubeln oder schweigen sollen. Viel von der Wiener Schmetterlingsversion ist verschwunden, und wer deshalb dachte, Spaß und Ironie würde die Gemüter stillen, wurde bitter enttäuscht. Es war mühsam, aber ein ganz starker Abend in Essen. Dennoch – niemand wollte anschließend das Theater besetzen.

„Proletenpassion“ | R:Bernd Freytag,Mark Polscher | Sa 2., Do 14., Fr 15.6. 19.30 Uhr, So 3.6. 16 Uhr | Grillo-Theater Essen | 0201 812 22 00

Autor

PETER ORTMANN

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