Ausgrenzung der Kurden

„Anziehungskräfte“, Foto: Lilian Szokody

Ausgrenzung der Kurden

„Anziehungskräfte“ im Theater im Ballsaal

Wer trotz Putsch und Erdogans autoritärer Säuberungspolitik kulturelle Kontakte in die Türkei knüpft und aufrechterhält, geht ein Wagnis ein. Frank Heuel, der Leiter des Bonner Fringe Ensembles, lernte während eines 12-monatigen Stipendienaufenthalts in Istanbul den kurdischen Autor und Schauspieler Mirza Metin kennen und holte ihn jetzt als Artist-in-Residence nach Bonn. Erstes Ergebnis ist das Stück „Anziehungskräfte“, das im Theater im Ballsaal uraufgeführt wurde. Der Dialog zwischen einem fiktiven kurdischen Paar beschreibt eine Parallelaktion. Während die in Bonn aufgewachsene Studentin Şêrîn nach Diyarbakir reist, macht sich der bildungsferne Jeside Ferhad aus dem irakischen Şengal auf den Weg nach Deutschland. Ihre Wege kreuzen sich in Istanbul.

Annika Ley hat die Bühne mit einem roten Teppich und einer in der Mitte gefalteten Manuskriptseite bestückt. Eine Seite, die mit Zeichnungen von Gesichtern, Häusern, Pistolen oder Autos aus den kollektiven Gedächtniskammern bestückt ist. Hicran Demir und Andreas Fischer betreten zunächst wechselweise die Spielfläche und falten ihre Geschichte auf: Hier die junge Şêrîn, die mit ihrer Familie vor 18 Jahren nach Deutschland geflohen ist, die sich auch hier ausgegrenzt fühlt, die sich auf der Suche nach der eigenen Tradition politisch für die Kurden engagiert. Dort Ferhads Geschichte als Flucht vor dem IS, die clandestine Existenz in der Türkei und die Odyssee durch Europa. Die Parallelen zwischen beiden liegen in einer Ausgrenzungserfahrung als Kurden. Şêrîn bleibt in Deutschland wie in der Türkei eine Fremde und Ferhad wird die gleiche Erfahrung machen.

Die Sounds von Ömer Sarigedik untermalen die Ausweglosigkeit mit einer bedrohlichen Klangcollage. Frank Heuels Inszenierung betont durch die Monologisierung im szenischen Nebeneinander die Fremdheit der beiden Figuren: Obwohl auf Armlänge nebeneinandergestellt, reden sie aneinander vorbei. Die kurze Begegnung in Istanbul, der Blitzschlag der Liebe, die Telefonate suggerieren eine brüchige utopische Vertrautheit, die allerdings die Erfahrungsdifferenz, die soziale Ungleichheit und unterschiedlichen Sehnsüchte von Şêrîn und Ferhad nur mühsam überdeckt.

„Anziehungskräfte“ | R: Frank Heuel | 11.(WA), 12., 16., 17.10. 20 Uhr | Theater im Ballsaal | 0228 79 79 01

Autor

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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