Auf dem Weg in die Moderne

Ferdinand Hodler, Auszug der deutschen Studenten in den Freiheitskrieg von 1813, 1908/1909, © Friedrich-Schiller-Universität Jena

Auf dem Weg in die Moderne

Ferdinand Hodler in der Bonner Bundeskunsthalle

Was bleibt immer kleben am Gedächtnis an einen Künstler, der so weit vor dem Jetzt und auch weit vor der Moderne seine Leinwände bearbeitete, seine Zeichnungen konstruierte und einer Monumentalität anhing, wie sie zu seinen Lebzeiten nicht mehr en vogue, aber auch noch nicht wieder salonfähig war? Nur der Holzfäller und die scharfen dunklen Konturen seiner Figuren? Der Schweizer Maler Ferdinand Hodler (1853-1918) wollte Mittler zwischen Hand und Hirn (zit. Thea von Harbou 1888-1954) sein, doch der Symbolismus auf der Schwelle zum Expressionismus konnte nicht die Strahlkraft der vergangene Jahrzehnte aufbringen und war es ein leiser Kampf gegen Konventionen und Gesellschaft, gegen plumpen Unverstand und strengen Konservativismus, den Hodler aus seinem Heimatland ins Deutsche Reich vertrieb.

Jetzt versucht eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle wenigstens das recht undurchsichtige Bild eines für die breite Öffentlichkeit immer noch zu entdeckenden Künstlers auf die Ebene zu rücken, auf die er gehört. Fast zwei Jahrzehnte war er wieder einmal in der Versenkung verschwunden, sein Werk – immer gelobt – scheint dennoch nicht so recht ins museale Alltagsgeschäft zu passen. Schweizer Nationalmaler, klar. Politischer Querkopf, auch das. Aber kunstgeschichtlicher Höhepunkt: Da streiten sich bis heute die nationalen Geister. Dabei kann man in der Ausstellung durchaus seine Roots und seine Visionen erkennen und schätzen lernen. Ich gebe zu, die Reihe fast noch impressionistischer Genfer See-Bilder geht mir nicht so ganz ans Herz wie der „Auszug der deutschen Studenten 1813“, mich beeindrucken auch die Blicke in Unendliche, die seine Geliebte (als Kopfstudie) und den berühmten Mäher trotz seiner gewaltigen Axt entscheidend prägen, und natürlich die kontinuierlichen Arbeiten über Valentine Godé-Darel (1873-1915), die er im Kampf gegen ihre unheilbare Krankheit begleitet. Sie ist in Bonn das „Fröhliche Weib“ (1911), aber auch die Tote auf dem Sterbebett (1915).

Sein eigener Werdegang als Künstler war auch kein leichter. Es hat lange gedauert, bis er mit seinen Arbeiten, für die auch Frau Bertha und Sohn Hector oft Modell standen, zu Ruhm und Ehre gelangte. Rund 100 Gemälde und 40 Zeichnungen des Künstlers werden in Bonn gezeigt. Was damals als eigenwillige Malweise galt, gepaart mit den unerhört entvölkerten Landschaften und der modernen Umrissgestaltung, ist heute längst als mutige künstlerische Zwischenzone vor der eigentlichen Moderne gedeutet. Und Mut hatte der Schweizer. Erschüttert von der sinnlosen Zerstörung der Kathedrale von Reims durch die deutschen Kaiserreich-Truppen zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatte er gemeinsam mit 120 Schweizer Künstlern und Intellektuellen den „Genfer Protest“ unterzeichnet. Das löste einen Tsunami auf dem Kunstmarkt aus, hektisch wurden seine Bilder verkauft, Galerien und Museen mieden ihn, selbst das noch nicht ganz getrocknete monumentale „Auszug deutscher Studenten“ (1911) in der Universität von Jena verschwand hinter einer Bretterwand. Viele deutsche Intellektuelle nahmen an der Hetze teil, erst 1918 tauchte das Werk wieder auf, 1920 wurde der Künstler im Markt rehabilitiert, doch da war Ferdinand Hodler schon tot.

Ferdinand Hodler – Maler der frühen Moderne | bis 28.1. | Bundeskunsthalle Bonn | 0228 917 12 00

Autor

PETER ORTMANN

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