Arme Bauern, armes Land

Lebenskreis, Foto: Cornelia Wortmann

Arme Bauern, armes Land

Warum Landwirte Genossen werden – engels-THEMA 11/18 SOLIDARISCH VERNETZT

Landwirtschaftliche Erzeugnisse sind unsere Lebensgrundlage. Zu Recht erwarten wir eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle und nachhaltige Bewirtschaftung von Ackerflächen. Sie sollte Tiere und Umwelt schonen, gesunde Erzeugnisse produzieren und den Landwirten ein angemessenes Auskommen ermöglichen. Die Realität sieht jedoch vielfach anders aus: Artenarme Agrarlandschaften und ausgelaugte, vergiftete Böden. Land und Lebensmittel werden zu Spekulationsobjekten landwirtschaftsferner Investoren. Verlierer sind vor allem die Menschen vor Ort, deren Einflussmöglichkeiten schwinden. Landwirte, die es besser machen wollen, können neben politisch bevorzugten Konzernen und Großproduzenten kaum bestehen – viele geben angesichts niedriger Erzeuger- und explodierender Bodenpreise auf.

Eine Alternative sind Agrargenossenschaften. Landwirte schließen sich zusammen, um gemeinsam zu wirtschaften. Das Prinzip ist gleichzeitig unternehmerisch und sozialkooperativ: Agrargenossenschaften erwirtschaften Gewinne, fördern damit jedoch zuerst ihre Mitglieder, die Landwirte. Diese sind zugleich Eigentümer und treffen Entscheidungen gemeinschaftlich, wodurch sich zwanglos gesamtverantwortliches Bewusstsein einstellen kann.

Über tausend Landwirtschaftsbetriebe sind in Deutschland als Agrargenossenschaften organisiert, in Ostdeutschland sind sie Nachfolgeorganisationen der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) der DDR. Gesellschaftliche Anliegen wie Arbeitsplatzsicherung, Ausbildung des Berufsnachwuchses, Unterstützung der kommunalen Entwicklung, Qualitätssicherung, Nachhaltigkeit und regionale Versorgung stehen oft im Fokus, auch das gemeinsame Dorf- und Hofleben wird gefördert.

Agrargenossenschaften sind also demokratisch – ist der Genossenschaftsgedanke angesichts zunehmender Kritik an Preisdumping und ferngesteuerter Landwirtschaft somit das Modell der Zukunft – trotz seines nicht ganz staubfreien Images?

Von der Politik werden Agrargenossenschaften eher stiefmütterlich behandelt. So scheinen jüngste Pläne der EU Kommission zur Kürzung der Fördermittel den Agrargenossenschaften wenig dienlich. René Rothe, Vorstand des Genossenschaftsverbandes Verband der Regionen, glaubt, dass vor allem in Agrargenossenschaften organisierte Mehrfamilienbetriebe betroffen seien. Da Agrargenossenschaften durchschnittlich weniger Gewinn erzielen als große, nicht-genossenschaftliche Unternehmen, wiegt das schwer. Agrargenossenschaften fordern zudem Gleichberechtigung mit kooperativen Formen in anderen Ländern und eine Anerkennung der Mitglieder als Mitunternehmer.

Angesichts der politischen Umstände fällt es schwer, flächendeckende genossenschaftliche Agrarnetze für möglich zu halten – dabei läge so die Herstellung unserer Lebensmittel wieder in der Hand der Erzeuger. Wenn sich landwirtschaftliche Genossenschaften auf ihre Ideale und Strukturmerkmale besinnen, könnten Entscheidungen, wie etwa über nachhaltige Produktionsweise und vernünftige Preispolitik, in großem Umfang demokratisch diskutiert und getroffen werden – auch und gerade im Sinne der Menschen vor Ort. Ist das nicht ein schöner Gedanke?

Autorin

MAREIKE THUILOT

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