Am linken Flügel

Musikwissenschaftler mit tiefen Gedankengängen: Martin Zingsheim, Foto: Georg Pieron

Am linken Flügel

Lockenkopf Martin Zingsheim ist in guter Gesellschaft

Alles eine Frage der kulturellen Einstellung: Martin Zingsheim demonstrierte einst, wie man die Gebräuche der Hooligans für kulturelles Engagement nutzbar macht: Einfach Museumsbesucher wie Hooligans agieren lassen. Er eröffnet damit ganz neue Perspektiven fürs Zusammenleben. Und der Gastgeber weiß auch, was man vom Denken denkt.

Es ist der humoristische Blick auf die Welt, mit dem er auch noch so Nebensächliches betrachtet: vorwiegend aus den Bereichen Politik (davon handelt der Song zur FDP-Kampagne), Ernährung (tierisch vegan) und  Religion (Enteignung der Kirche). Das zumindest hat er selbst einmal – nicht in dieser Reihenfolge – gesagt.

Seine Wurzeln liegen – dank seiner Ausbildung – in der Musikwissenschaft und der Philosophie. Dass Wurzeln nichts Endgültiges sind, sondern sich verzweigen können, weiß man spätestens seit Peter Wohllebens „Das geheime Leben der Bäume“. Aber das ist tatsächlich nebensächlich.

Angefangen hat seine Karriere, die ihm gleich zu Beginn jede Menge Preise bescherte, beim damals noch existierenden Bundeskabarett – Zingsheim schrieb über seine Teilnahme an dem Trio, zu dem auch Sebastian Pufpaff  gehörte: „Ich freue mich, Mitglied des Bundeskabaretts zu sein, und nehme das Amt an: Auch ein Keyboard taugt als linker Flügel!“ Womit er seinerzeit seine politischen Wurzeln eindeutig verortet hat. Bis heute.

In seinem letzten Programm „aber bitte mit ohne“ ist er zur rein sprachlichen Form der kabarettistischen Kritik zurück gekehrt. Was ganz schön mutig war. Dazu heißt es auf seiner Homepage so schön: „Ein Mann. Ein Mikro. Keine Pyrotechnik. Denn alles was Du hast, hat irgendwann Dich. Und Relevanz braucht keine Requisiten.“

Dass er von den Medien gern als Lockenkopf tituliert wird, dürfte ihn nicht unbedingt begeistern, obwohl sich auf dem Kopf des Familienvaters viele geringelte Haare befinden. Was sich darunter befindet, geht aber niemand etwas an. Fest steht: Es ist eine ganze Menge.

Seine Gäste hat er offenbar nach dem Motto „man kennt sich, man mag sich“ ausgesucht – neben Konstantin Wecker, der „50 Jahre 68er“ feiert und dessen Persönlichkeit man wohl nicht erläutern muss, weil ihn jeder kennt, der im vergangenen Jahrhundert geboren wurde.  Außerdem kommt die 1984 in Aachen geborene Sarah Bosetti, eine passionierte Feministin mit Vorliebe für ironische Hasskommentare. Sie schreibt und liest Kolumnen im Radio, Fernsehen und manchmal auch auf Bühnen: charmant, hübsch und gemein.

Thomas Schreckenberger wiederum schreibt auch für Kollegen Texte, ist – wie Zingsheim – Familienvater und kommentiert seinen Job folgendermaßen: „Ich bin viel unterwegs auf Bühnen zwischen Flensburg und dem Bodensee. Das freut die Kinder, denn der Papa bringt ja oft auch was von unterwegs mit, und es freut die Frau, denn ich bin immer mal wieder aus dem Weg und mache keinen Dreck“. Ist natürlich blanke Ironie.

Was nicht für das hier abgedruckte Komikzentrum gilt – schwört wie immer hoch und heilig die Ihnen stets ergebene

Anne Nüme

Zingsheim braucht Gesellschaft! – Die politische Radio-Show von Deutschlandfunk | Di 18.9. 20 Uhr | Comedia | 0221 888 77 222

Dieser Artikel erschien auf www.choices.de, lesen Sie weitere Artikel auf www.choices.de/komikzentrum

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