„Alle Orte haben ihre Unschuld verloren“

André Erlen, Foto: Meyer Originals

„Alle Orte haben ihre Unschuld verloren“

„Shit Island“ von Futur3 über das Schicksal der Insel Nauru

Nauru? Südsee? Das klingt nach Paul Gauguin. Doch die kleine Insel mit gerade mal 11.000 Einwohnern auf 21 km² Fläche durchlebte ein Schleudertrauma des Kolonialismus und Kapitalismus. Über Jahrmillionen hatte sich aus Vogelkot und den Kalkböden reines Phosphat gebildet, das 1896 entdeckt wurde und dann über Jahrzehnte in einem gigantischen Raubbau ausgebeutet  wurde. Zunächst unter der kolonialen Vorherrschaft der Deutschen, dann durch Australier, Neuseeländer und Briten. 1968 wurde Nauru unabhängig, ihre wenigen Bürger verfügten plötzlich über das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Erde. Man lebte im Bewusstsein und mit allen Folgen des ungeheuren Reichtums, bis die Phosphatreserven nahezu erschöpft waren. Nauru stürzte in die Pleite, die Insel mauserte sich zum Refugium für Steuerflüchtlinge, schließlich zum Auffanglager für Flüchtlinge. Heute ist Nauru ökologisch weitgehend zerstört, fast ein Drittel der Bewohner leidet an Diabetes.

choicesHerr Erlen, waren Sie selbst schon mal auf Nauru?
André Erlen: Nein, wir waren nicht in der Südsee. Wir haben über Facebook mit Bürgern Naurus Kontakte geknüpft, haben gechattet und geskypt. Mein Gesprächspartner ist in meinem Alter. Er hält sich gerade wegen des Studiums in Neuseeland auf, wird aber in einem Jahr wieder zurückkehren. Zuvor hat er fürs Außenministerium von Nauru gearbeitet. Die Leute, die uns geantwortet haben, sind meist Bürger, die bereits Auslandserfahrung haben oder im Ausland leben, sie sind in der Regel offener.

Warum?
Nauru hat in den letzten zwanzig Jahren öffentlich erheblich an Reputation verloren. Vor allem im australisch-neuseeländischen Raum. Mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch kam dann auch die Häme. Das Thema Steueroase und schließlich 2004 die naurischen Flüchtlingscamps für Australien, die völlig unzureichend organisiert waren und zu massiven Protesten führten. Die Berichte von Journalisten haben dann zu einer Abschottung der Staats, aber auch der Bürger nach außen geführt.

ZUR PERSON:
André Erlen hat an der Kunstakademie Düsseldorf studiert, anschließend absolvierte er eine Schauspielausbildung am Actors’ Studio Pulheim und realisierte mehrere Produktionen mit dem polnischen Regisseur Michal Nocon. 2003 gründete er mit Stefan H. Kraft und Klaus Maria Zehe die Gruppe Futur3, die 2010 mit dem Kölner Theaterpreis für „Petersberg I“ ausgezeichnet wurde. Foto: Meyer Orginals

Was interessiert Sie an der Geschichte Naurus?
Diese kleine Land hat eine rasende Geschichte hinter sich: Vom höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt in den 1970ern in die totale Staatspleite. Man findet in dieser Geschichte alle Probleme der Globalisierung wie Kolonialismus, Ausbeutung von Bodenschätzen, Umweltzerstörung, Menschenhandel oder Flüchtlinge geballt. Hinzu kam, dass es sich bei der früheren deutschen Kolonie um eine Südseeinsel handelt. Also einen Ort der Paradiesvorstellung des Westens mit schöner Landschaft, Wärme, angeblicher Liebenswürdig- und Friedfertigkeit, Naivität und Ursprünglichkeit der Bewohner. Wir haben die Geschichte dieser Sehnsucht dann als ideologischen und kulturellen Unterbau der ökonomischen Geschichte zu erzählen begonnen.

Im Zuge der kolonialen Ausbeutung spielte die Paradiesvorstellung doch eher eine untergeordnete Rolle?
Die ersten Dokumente, die wir zitieren, stammen von Georg Forster, der mit James Cook gereist ist. Damals hielten sich ökonomische und wissenschaftliche Interessen die Waage. Später kamen dann Künstler wie Max Pechstein oder Emil Nolde hinterher, die an anderen Orten in der Südsee waren. Auch sie verleiben sich diese Kultur, diese Fremde bedenkenlos ein. Es ist grotesk, dass Emil Nolde und seine Frau Modelle mit Waffen in Schach hielten. Wichtig ist, was die Künstler auf die Bewohner in der Südsee projiziert haben. Und wir sind ja auch nur eine Theatergruppe aus Köln, die angefixt ist von der Katastrophe auf Nauru. Niemand hat uns gebeten, diese Geschichte zu erzählen. Deshalb versuchen wir mit zu erzählen, dass unser Blick auf diese Geschichte durch die jeweiligen Dokumente gefärbt ist.

Gibt es Dokumente zur Geschichte  Naurus vor der Entdeckung durch den Westen?
Nein. Nauru hatte keine Schriftkultur. Es gibt nur die Dokumente der westlichen Walfänger und Forscher. Ende 1888 kamen die Deutschen und haben die ersten Berichte verfasst. Aber schon als der deutsche Ethnologe Paul Hambruch 1906/07 nach Nauru kam, war die Kultur bereits weitgehend verschwunden. Nichtsdestotrotz beschreibt er eine ungeheure Differenz, zum Beispiel zum westlichen Arbeitsbegriff. Die Bewohner Naurus waren in den Phosphatminen nicht zu gebrauchen, sondern allenfalls in der Verwaltung. Es gab dort keinen Ackerbau, man lebte vom Fischfang und von der Reichhaltigkeit der Natur. Vielleicht lag der Grund für das Scheitern Naurus in den 1970er Jahren auch in dieser Unfähigkeit zu langfristiger Strategie und Planung.

Spielt der Kolonialismus in Ihrem Stück eine Rolle?
Das nehmen wir in die Thematisierung des eigenen Blicks mit auf. Für Nauru bildet der Kolonialismus aber nicht die Kerngeschichte. Wir interessieren uns mehr für die Künstler, die sich ständig über die angebliche Zerstörung der Ursprünglichkeit beklagen, aber nichts anderes sind als Teil des gleichen Systems. An den Künstlern kann man noch mal anders wahrnehmen, wie umfassend diese Kolonialisierung war.

„Shit Island“, Foto: Ramblinrandy

Wie gehen Sie mit dem Material um, die Sie gefunden haben?
Ein Augenöffner für uns war ein Dokumentarfilm von Juliano Ribeiro Salgado, der übergriffig, mit Suggestivfragen und düsteren Bildern auf die Leute von Nauru zugegangen ist. Wir haben uns dann gefragt, wie man einen Dialog auf Augenhöhe führen kann. Vieles erzählen wir allein aus unserer Perspektive und thematisieren das auch. Andererseits lassen wir die Leute aus Nauru selbst die Gesichte ihrer Insel erzählen und hoffen, dass man die Insel nicht mehr als Projektionsfläche des Paradieses sieht. Für Einheimische ist sie eben kein zerstörtes Paradies, sondern schlicht Heimat.

Es soll Initiativen für Umweltschutz und Renaturierung geben.
Es gibt diese Projekte. Aber es bleibt die Frage, was man mit der Insel überhaupt noch anfangen kann. Nauru ist etwas kleiner als die Kölner Innenstadt. Sie sieht inzwischen aus wie eine Tonsur: Es gibt einen Palmengürtel am Strand, der eine Mondlandschaft im Innern mit etwas Buschwerk umschlingt. Über Jahrmillionen hatte sich aus Korallen und Vogelkot das Phosphat gebildet, das dann von Wald überwuchert war. Heute ist das Phosphat zu 80 Prozent abgebaut, zwar werden derzeit noch die letzten Reste rausgekratzt, aber ökonomisch sind das nur noch Verzweiflungsaktionen. Es ist ein ökologisches Desaster. Mehr als zwei Drittel des Phosphats wurden bereits vor der Unabhängigkeit Naurus 1968 abgebaut. Trotzdem haben weder Deutschland, England oder Australien je Reparationszahlungen geleistet. Heute hat sich die Insel etwas stabilisiert, aber es bleibt ein Zuwendungsstaat. Flüchtlingsunterbringung ist die Haupteinnahmequelle, dann gibt es eben Reste des Phosphatabbaus und schließlich Hilfsgelder zum Beispiel von Japan. Tragfähige Zukunftsvisionen existieren nicht, die Menschen leben um eine Art Garzweiler herum.

Welche Rolle spielt denn der Tourismus für dieses falsche Bild der Insel?
Es gibt einen Tourismus, der eng mit der Südsee und dem Bild einer unberührten Natur verbunden ist. Nauru hat daran aber kaum Anteil wie zum Beispiel Fidschi. Es gibt keine Riffs, der Ozean ist ziemlich wild, schwimmen ist gefährlich. Wir haben Zeugen aus dem Westen gefunden, die 1982 aus einem eher touristischen Interesse auf der Insel waren und lassen sie darüber erzählen. Die Geschichte Naurus zeigt aber auch, dass der Planet durch ist, alle Orte haben ihre Unschuld verloren, es gibt nichts mehr zu entdecken.

„Shit Island – ein postkolonialer Südseetraum“ | R: André Erlen | 18., 21.-25.11. 20 Uhr, 19.11. 18 Uhr | Orangerie | 0221 952 27 08

INTERVIEW:

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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